Wunschtraum: einen Tag der Deutschen Reinheit. Wie einst in den 50ern: Samstag ist Badetag!

Ich wünschte, es gäbe auch (mindestens) einen Tag der Deutschen Reinheit.
In den 50er Jahren, der Zeit meiner Ruhrgebiets-Kindheit gab es ihn tatsächlich, die Älteren werden sich erinnern, sogar wöchentlich: denn Samstags war Badetag!
Da wurde die Zinkwanne in der Wohnküche aufgestellt, Badewasser auf dem Kohleofen erhitzt, und in die Wanne geschüttet.
Der besondere Luxus war das Hinzugeben einer orangefarbenen, etwa handtellergroßen Sprudeltablette namens „Fichtennadel-Tannenbad“, die sich im Wasser sprudelnd auflöste, und das Wasser sofort leuchtend grün werden ließ. Und es duftete nach Wald, oder nach dem, was wir Kohlenpottkinder für Waldgeruch hielten. Je nach Anzahl der Personen, die dieses Badewasser nacheinander nutzen durften, bildete sich am Wannenrand eine Art gräuliche Schmand-Schicht. Der Letzte hatte eben Pech: das Wasser war nicht mehr ganz so warm, und der Schmand-Rand war erheblich dicker. Meist gab es nach dem Bad dann auch ´ne frische Unterbuxe für die Woche.
So war es wirklich.

Und heute? Heute kostet Seife so gut wie nix.
Und trotzem passiert es wieder: es ist noch Vormittag. Ich lege an der ALDI-Kasse meinen Einkauf aufs Band – und bemerke: hier müffelt es! Nein, es müffelt nicht nur: es stinkt! Und es ist kein „Es“, was da so furchtbar stinkt, sondern es ist ein Mensch, vor mir oder hinter mir. Eine brutale Mischung aus Schweiß, Zigarettenrauch, Küche, ranzigem Haartalg, nassem Hund und manchmal auch – sorry – Urin, um das Wort Pisse nicht zu bemühen.

Der Stinker oder die Stinkerin ist schnell ausgemacht: erkennbar an dem talgig glänzenden Haar, dessen Fettgehalt durchaus eine schöne dicke Bouillon hergeben könnte, weil es schon lange nicht mehr gewaschen sein dürfte – an den grauweißen Schuppen auf den Schultern, die an leichten Schneefall erinnern, den tabakgelben Fingern, dem speckigen Hemdkragen – obwohl: nicht unbedingt immer an der Kleidung, denn auch ordentlich gekleidete Menschen mit Scheu vor Wasser und Seife spendieren gern und großzügig Riechproben ihres Duftdrüsen-Odeurs oder ihres Stallgeruchs an die hilflose Menschheit. Am liebsten dort, wo der oder die Beschenkte sich gegen die guten Gaben nicht wehren kann: bei Aldi vor der Kasse, im Büro, in Bahn, Bus, Zug, im Aufzug, wobei Letzteres den Tatbestand der vorsätzlichen Körperverletzung erfüllen dürfte.

Verdelli – wie ist es nur möglich, dass Menschen in unserem Wohlstandsland, in dem Seife wirklich nicht viel kostet, schon am frühen Morgen schon so stinken können? Vermutlich stinken sie nicht schon am frühen Morgen, sondern noch von gestern oder gar von irgendwann einmal.

Vor einiger Zeit las ich, dass strenger Körpergeruch in Japan als eine der häufigsten Belästigung gilt – gleich nach Macht-Ausnutzung, sexueller Belästigung, der Diskriminierung von Müttern am Arbeitsplatz sowie Mobbing. Und dass „Müffeln“ dort geächtet ist, und japanische Unternehmen sogar andere, auf Körperpflege spezialisierte Firmen damit beauftragen, sich mit der Reinlichkeit ihrer Mitarbeiter/innen zu beschäftigen.

Ja, diese Erlebnisse an der Aldi-Kasse empfinde ich als Belästigung. Manchmal habe ich den Geruch noch beim Wegfahren vom Parkplatz in der Nase und wünsche mir, Körperpflege müsste zur Bürgerpflicht werden, deren Nichtbeachtung eine kostenpflichtige Zwangswäsche in aller Öffentlichkeit mit eiskaltem Wasser zur Folge hätte.

O.K. ist nur so dahingesponnen.
Zumindest wünsche ich mir: Seife für alle!
Und einen wöchentlichen „TAG DER DEUTSCHEN REINHEIT“
Gerne den Samstag, so wie einst in den 50ern.



Bis die Tage! Und bleibt frisch!
🤭


Nachtrag:  Um nicht falsch verstanden zu werden: es geht mir hierbei nicht um bedauernswerte Menschen ohne Odach, denen ich niemals ihre Würde nehmen, oder meine Nase über sie rümpfen würde. Ich habe das Buch „Unter Palmen aus Stahl“ von Dominik Bloh gelesen. Hier erfährt man aus erster Hand, wie schnell man arm und obdachlos werden kann.
Nein, meine erlebten Aldi-Müffler sind „Normalos“ mit eigenem Stallgeruch…
Lo

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Am Roten Meer im Netz gefangen.


Kerl, wat is dat schön! Ich sitze hier am Ufer des Roten Meeres, wo Sonne und Wellen im Einklang tanzen, und ich sehe Menschen, die sehr weit hierher gereist sind, um den Orient mit seinem faszinierenden Zauber, diese andere, für uns fremde, und etwas geheimnisvolle Welt zu erleben. Zumindest ging ich bisher ganz naiv davon aus.

Doch statt den Zauber des tiefblauen Meeres, der Strände, die Düfte zu genießen, versinken verdammt viele in den Bildschirmen ihrer Smartphones.

Selbst in Gesellschaft bleibt die Runde oft still. Worte werden nicht gewechselt, Blicke nicht geteilt. Schade, wie leicht dabei das Wesentliche verloren geht: das Miteinander, die Schönheit der Landschaft: vorne das türkisfarbene bis tiefblaue Meer, und direkt hinter uns schon die Wüste. Welch großartige Gegensätze!

Abends ist das Licht hier besonders schön. Die untergehende Sonne hüllt alles in ein warmes rötliches Licht, das der eigenen Haut schmeichelt.

Doch ringsumher sind die Gesichter gesenkt, die Augen leuchten nicht im Abendlicht, sondern im Schein kleiner bläulicher Bildschirme. Selbst im Kreis von Menschen, die sich kennen, von Freunden, bleibt es still. Jedes mögliche Gespräch erstickt im digitalen Rauschen. Und ich denke mir: wie schade, dass sie den Zauber des Augenblicks nicht miteinander teilen.

Motto: „Endlich Urlaub! Mein Smartphone hat auch mal Meerblick verdient.“

Kommunikation am Tisch?

Klar – über WLAN. Da sitzen Paare schweigend in schönen Hotelrestaurants gemeinsam, jeder von ihnen tief in sein Handy versunken am Tisch und nimmt das kunstvoll dekorierte Buffet, die herrlichen Speisen nicht wahr. Essen? Reine, wegen medialer Betäubung nicht mehr wahrgenommene, notwendige Nahrungsaufnahme, statt Genuss mit allen Sinnen. Messer und Gabel gleichzeitig zu benutzen? Nö. Geht nicht, man braucht ja eine Hand fürs Smartphone.

Vermutlich fliegt man in die weite Welt hinaus, um beim Scrollen auch mal eine andere Klimazone auszuprobieren. Die schönste Sehenswürdigkeit des Reiseziels? Das eigene Handy. Und das Selfie darauf. Für die Daheimgebliebenen sofort ins World Wide Web versandt: zum Staunen und für’s Klickbaiting.

Unglaublich. Da reisen sie tausende Kilometer weit ans Meer, kommen an, um  dann doch betäubt im Netz hängen zu bleiben…

Kerl, wat is dat arm…

Bis die Tage!

Lo.


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Der Pappkopp von Horst.

Ich weiss, dass man über Kunst (nicht oder doch?) streiten kann.
In keinem Fall streiten soll man über die Gestaltungsfreiheit eines Künstlers, denn ohne sie könnte Kunst ja nicht zur Kunst werden.
Vor einiger Zeit betrachtete ich der Duisburger „Küppersmühle“ *) Kunstwerke, für die ich mich durchaus so richtig begeistern konnte.
Ich sah aber auch Skulpturen und Bilder, bei denen ich bei bestem Willen nicht nachvollziehen konnte, was an ihnen so bewundernswert – und erst recht so bedeutend sein soll („Is dat Kunst, oder kann dat weg?“).
Da ging ich dann lieber einfach weiter – zum nächsten Kunstwerk.

Meine Wurzeln liegen in Gelsenkirchen, und obwohl ich weit mehr als vier Jahrzehnte nicht mehr dort lebe, fühle ich mich mit der Stadt eng verbunden. Und so ist es wohl kein Wunder, dass ich mich immer wieder an einem dort weithin sichtbaren „Kunstwerk“ reibe, wenn ich daran vorbeifahre.
Es ist für mich „der Pappkopp von Horst“ – eine 18 Meter hohe und viele Tonnen schwere Figur namens „Herkules“, auf einem Turm der ehemaligen Zeche Nordstern in GE-Horst stehend, geschaffen von Markus Lüpertz, die Stärke, Mut und Tatkraft des Ruhrgebietes darstellen soll.

Diese Symbolik muss der Künstler sehr geschickt versteckt haben. Schrieb doch die Presse, dass die Bewohner vermutlich die Symbolik nicht verstehen würden, weil sie es schwierig finden könnten, eine moderne Skulptur mit der Vergangenheit ihrer Stadt zu verbinden.
So viel dazu, wie wenig man den Menschen in dieser Stadt zutraut, die man lieber auf Bergbau- Nostalgie und Schalke-Symbole reduziert.

Und warum reibe ich mich an der Figur da oben auf der Zeche Nordstern in Gelsenkirchen-Horst?
Zum einen, weil ich diesen, wie aus Pappmaché zusammengekleisterten Kerl da oben einfach nur hässlich finde.
Das ist dann einfach nur meine Sache. Meine Ansicht, meine Meinung.
Wer den Unterschied zwischen Meinung und Tatsache kennt, weiß: hier gibt es kein Richtig oder Falsch.
Andere finden ihn vielleicht schön. Und es ist in Ordnung.

Zum anderen, weil ich das Auftreten des Künstlers in der Öffentlichkeit, aber auch seine Einlassungen in einem vor einiger Zeit gehörten WDR-Radio-Interview als hocharrogant empfand.
So schreibt man auch bei Wikipedia über Herrn Lüpertz: zit.: „der seinen eigenen Geniekult betreibt“. Zitat Ende.
Und die Köpfe seiner Figuren sehen für mich in etwa alle gleich aus, sei es vor dem Bremer Hauptbahnhof, vor dem Post-Tower in Bonn, an der Mündung von Ruhr und Rhein in Duisburg, oder im Küppersmühle-Museum: wiederholt ähnliche missgestaltete Pappmasche`-Köppe – Kunstunterricht dritte Klasse Grundschule.
Auch nur meine persönliche Empfindung. Ein Anderer sieht das möglicherweise – und mit gutem Recht – anders.

Und wat is nu mit dem Kerl da oben?
Ich glaube, mich ärgert es, dass den Horster Bewohnern drumherum diese (für mich) verunglückte Figur mit ihrem verkrüppelten Fingern und nacktem Hintern ungefragt so hoch und deutlich sichtbar vor die Nasen gestellt wurde, dass niemand ihr ausweichen kann.
Nicht einmal nachts, weil weithin sichtbar beleuchtet. Und das wirklich weithin.
In einem Museum kann ich en passant einfach daran vorbeigehen.
Doch hier guckt der Blaubart immer von oben herab und freut sich vielleicht klammheimlich,
dass ich mich schon wieder über ihn ärgere.
Und Herr Lüpertz lacht sich ins geniale(!) Fäustchen.

Bissi Tage!

P.S.:
Irgendwo las ich einmal, dass Kunst erst dann als gelungen betrachtet werden kann, wenn Menschen sich an ihr reiben. Genau das würde ein Kunstwerk lebendig und bedeutsam machen.
So ein Mist! Jetzt wird der Pappkopp von Horst durch meinen Groll auch noch wichtig?
Verdelli! Genau dat hab ich nicht gewollt!


*) Küppersmühle – Museum für moderne Kunst im Duisburger Innenhafen

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Über Menschenleben dealt man nicht.

Verdelli,
ich weiss nich: an meinem Alter kannet nich liegen, ich bin ja noch gut unter Hundert.
Und ich glaube, auch in vielen Dingen noch ganz beweglich zu sein, zumindest körperlich.
Ich bewege mich sehr gern, laufe, hüpp´ die Treppenstufen hoch, und kein Weg ist mir zu Fuß zu weit.
Oppich noch geistig auf der Höhe bin? Tja, falls nich, merken et vermutlich zuerst die anderen.
Die können sich aber auch täuschen.
Nun hoffe ich, datt ich nicht zum ollen Meckerkopp werde….

Worauf ich eigentlich hinaus will, is – datt ich in letzter Zeit so´n inneren Widerstand verspüre, watt unseren allgemeinen Sprachgebrauch anbetrifft. Dabei meine ich aktuell nicht das unsägliche Gendern, sondern Worte, die sich klammheimlich in unseren Sprachgebrauch einschleichen, wobei mich nicht unbedingt Anglizismen stören. Aber:

Ein Beispiel ist das „Quartier“. Irgendwann schlich sich dieses Wort in die Tageszeitung, aber auch in die Nachrichtensender, um das Wort „Stadtteil“ – oder „Viertel“ zu verdrängen.
Ich verbinde Quartier mit einer Unterkunft, einem notfälligen Nachtlager, oder wie einst bei der Bundeswehr, wenn bei einem Manöver irgendwo „Quartier gemacht“ wurde, also ein Schlafplatz für die Truppe organisiert wurde. Hierfür war ein Offizier, der „Quartiermeister“ zuständig.
In einem Quartier wird man für eine begrenzte Zeit „untergebracht“, aber nicht für immer zum Wohnen.
Und nun lebe ich also nicht mehr in meinem Stadtteil oder Viertel, sondern in einem Quartier? Klingt nach armseliger Unterkunft.
In Frankreich ist es ja in Ordnung, aber hier? Da sträubt sich etwas in mir, weil der Begriff plötzlich durch die Medien parkettreif zu werden scheint. Ich will dat nich.

„Hömma, Willi! Komm mich domma in meinem Quartier besuchen!“
„Wie? Quartier? Jupp! Hömma! Wat is passiert? Hasse keine Wohnung mehr???“

Foto: Lothar Lange

Perfide:
Seit dieser blondgeföhnte Donald Häuptling der Amerikaner ist, wird der Ausdruck „Deal“ verstärkt genutzt. Für mich hat dat Wort eine negative Bedeutung, so, als würden sich Partner gegenseitig über´t Ohr hauen, und sich hinterher grinsend die Hände reiben..
Außerdem verbinde ich „Deal“ mit „Dealern“, die berauschende Substanzen anbieten.
Meiner Ansicht nach sollten auf politischer Ebene, und ganz besonders Friedensverhandlungen nich als „Deals“ bezeichnet werden, da dies dem seriösen Charakter solcher Prozesse widerspricht.
Et geht verflixt um Menschenleben. Da dealt man nich. Oder?

So, dat musste mal raus!

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Unseren täglichen Kot gib uns heute.

Verdelli!

Unseren täglichen Kot gib uns heute.

Ich gelobe,
mich nie wieder über Seitenbacher-Müsli-, oder Carglass-Werbung zu beklagen.

 


„Die Öffentlich-Rechtlichen machen sich in jede Hose, die man ihnen hinhält, und die Privaten senden das, was darin ist.“
Dieter Hildebrandt

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Kumma!! Kirmes im Pott!!!

Kirmes!!!
„Ey! Hasse schon gehört? Auffem Wildenbruchplatz sind se am Kirmes aufbauen!“ 
Da gab et kein Halten mehr: da mussten wir hin!
Was den Zauber und die Anziehungskraft einer Kirmes auf uns Kohlenpott-Knirpse ausmachte, ist schwer zu beschreiben.
Kirmes, dat bedeutete: erst einmal gucken, „wat da aufgebaut wird, wat da hinkommt.“ Danach die Überlegung: „Wie kommsse gezz an Geld für die Kirmes?“
So dicke hatte et keiner von zu Hause aus. Man lebte entweder „vonne Zeche Graf Bismarck“ oder, so wie meine Mutter und ich, „vonne Fürsorge“.
Zu Hause Geld für die Kirmes zu erbetteln, hatte selten Aussicht auf Erfolg. Et war schlicht nicht genug da, ummet für so ein kurzet Kirmesvergnügen auszugeben. Vielleicht mal ´ne Mark.
Höchstens.
Leere Bierflaschen suchen, um sie gegen Bares umzutauschen, war eine der Möglichkeit der Geldbeschaffung. Für  eine leere „Pulle“ gab et immerhin 20 Pfennige Flaschenpfand.
Fünf Pullen also eine Mark – dafür konnte man dann schon drei Mal mit Biermanns „Selbstfahrer“ (AutoScooter) fahren.
Oder mit der rasanten Fellerhoff-Raupe, die aber „mehr wat für die Großen“ war, die mit ihren „Schicksen“ nur darauf warteten, datt sich zum Ende der Fahrt dat Verdeck schloss,- damit se im Dunklen schön knutschen konnten…
 

Kirmes in den 50er Jahren
aus der Sicht eines Knirpses aus dem Pott:

Kumma! Kirmes!!!

Kumma!
Auf´m Wildenbrucplatz is Kirmes.
Hamse bis gestern aufgebaut.
Mit Selbstfahrer-Autos. Die kannze selber lenken.
Weisse watt?
Ich tausch Bierpullen um,
dann kann ich n´ paarmal damit fahrn.

Kumma!
Dat Schild da:
„Junger Mann zum Mitreisen gesucht.“
Boah, überleech ma:
da kannze jeden Tach umsonz fahren.
Weisse watt?
Die Großen ham´et gut.

Kumma!
Dat Pony-Karussell.
Stinkt nach Sägemehl und Pferdekacke.
Immer inne Runde bei dem lauten Kirmesgedöns.
Weisse watt?
Die Klepper werden doch rammdösig.
Is auch mehr watt für kleine Blagen.

Kumma!
Der Besoffene da:
der schmeißt´n Tacken innen Boxautomat.
Gezz kloppter auf dat Leder.
Wat sacht der Zeiger? FLIEGENGEWICHT.
Weisse watt?
Der Kerl hat donnix inne Mauken!

Kumma!
Die Fellerhoff-Raupe!
Boah, hat die ´n Zacken drauf.
Hömma: dat is Rock´n Roll.
Weisse watt?
Wenn dat Verdeck zugeht,
knutschen die Großen immer mit ihre Weiber.

Kumma!
Ich schleich gezz mal unter die Raupe.
Vielleicht hat einer watt Geld verlorn
von oben durche Holz-Ritze.
Weisse watt?
Wenne auch nix findes, egal,
dafür kannze die Schicksen untern Rock gucken.

Kumma!
Meine große Schwester!
Mitten Lebkuchenherz.
„Für immer Dein“
Weisse watt?
Dat hat die vonnem Itacker.
Den kennt´se vonne Eisdiele.

Kumma!
Die Schießbude.
Dat soll ja Beschiss sein.
Die haben die Knarren extra krumm gemacht,
datte nich triffs.
Weisse watt?
Probiern würd ich dat ja mal.

Kumma!
Die Selbstfahrerautos von Biermann.
„Einsteigen und Platz nehmen
zu einer neuen lustigen Autofahrt“
Weisse watt?
Datt könnt ich den ganzen Tach.

Boah, wenn ich gezz ne Mark hätte…

Lothar Lange

 


Die „Fellerhoff-Raupe“, die „Selbstfahrerautos“ von Biermann, und das leckerste Kirmes-Eis der Welt von „Schmalhaus“ sind seit vielen Jahrzehnten traditionell auf den Rummelplätzen des Ruhrgebietes vertreten.  Ein „Tacken“ war im Ruhrgebiet die Bezeichnung für einen Groschen, 10 Pfennige. Als eine „Schickse“ wurde etwas abfällig die augenblickliche Freundin, auch „Perle“ benannt. Der „Itacker“ war ein italienischer „Gastarbeiter“.

*Wildenbruchplatz, ein Straße in Gelsenkirchen mit ehemals großem Platz gegenüber der ebenfalls nicht mehr bestehenden Gelsenkirchener Eisenwerke, gern für Zirkus und Kirmes genutzt. Heute mit einem Polizeigebäude bebaut.

Fotos/Collage: Lothar Lange

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Sunglasses on vacation.

Meine Sonnenbrille macht leidenschaftlich gern Urlaub. Und ich darf das gute Stück schon seit mehr als dreißig Jahren immer dabei begleiten. Wir passen auch gut zusammen: sie verschafft mir auf ihren Reisen im wahren Wortsinn den Durchblick auf die Welt – aber nur, wenn ich die Reisekosten übernehme. Ganz schön pfiffig von ihr, oder?

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„Fette Scholle“ säuft ab.

Kaum unglaublich! Beim Emscherländer Schrebergartenverein „Fette Scholle e.V.“ macht sich der Klimawandel schon leicht bemerkbar. Man hat jetzt auf Seerosenkohl aus der Regentonne, Algenkresse, Schilfbohnen und schwimmende Zucchini umgestellt.

Statt Stallhasen halten sich die Kleingärtner jetzt „Emscherländer Sumpfschnecken“, eine Neuzüchtung, die kein Heu braucht, sich obendrein als sehr nützlich erweist, indem sie ständig den Bodenschlamm umrührt, was den Wuchs des Wasserrosenkohls fördert.

Man arrangiert sich tapfer mit der neuen  Situation: Der übliche Kleingärtner-Gruß „Gut Grün!“ wird durch „Flut Frisch!“ ersetzt, wobei der Vorschlag des Vereinsvorsitzenden Willi Kasupski „Scholle Nass!“ weniger Zuspruch erhielt.

Einziges Manko: die Preise für Gummistiefel sind in der Emscherregion rasant angestiegen.

Verdelli! Wattet nich allet gibt…

Lo.

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Heute…

… zeigt sich der Rhein-Herne-Kanal von seiner schönsten Seite.

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Literatur der Arbeitswelt: Detlef Marwig – neu im Schallarchiv Reviercast.de

So helfen sich Kulturschaffende im Pott:
vor wenigen Tagen durften Kalle Gajewsky (REVIERCAST.DE) und ich die Kellerbar des Gelsenkirchener Consol-Theaters als Kulisse für weitere Reviercast-Aufnahmen nutzen, deren Kneipen-Interieur so wunderbar zu Detlef Marwigs Roman „Freiheit kleingeschrieben“ passt.

Hieraus haben wir drei Roman-Auszüge in Bild und Ton aufgezeichnet (siehe unten).

Detlef Marwig wurde 1931 in Gelsenkirchen geboren. Die Oberschule verließ er ohne Abschluss und machte zunächst eine Verkäuferlehre, die er aber abbrach. Danach war er Walzenarbeiter, Straßenbahnschaffner und Elefantenpfleger, bevor er als freier Journalist bei der WAZ und als Schriftsteller arbeitete. Erste Erzählungen wurden in Tageszeitungen veröffentlicht. 1961 bekam er den ersten Preis beim Erzählerwettbewerb des Bertelsmann-Leserings „Liebe in unserer Zeit“. 1976 erhielt er ein Arbeitsstipendium des Landes NRW. 1970 schrieb er das Hörspiel „Ein kurzer Tag oder alle Tage wieder“ für den WDR. 1977 veröffentlichte er seinen Roman „Freiheit kleingeschrieben“.  Er schrieb auch die Kurzgeschichten „Rein äußerlich“ und „Die Blauschicht“. Detlef Marwig stand in Kontakt zu Fritz Hüser und war Mitglied der Dortmunder Gruppe 61, über die er andere Schriftsteller und Künstler kennenlernte und an Lesungen und Publikationen teilhatte. Auch in späteren Jahren, nach der Auflösung der Gruppe 61, engagierte er sich in der Literarischen Werkstatt Gelsenkirchen. Zuletzt betrieb Detlef Marwig zusammen mit seiner Frau einen Kiosk „Dat Büdchen“ an der Overwegstraße in Gelsenkirchen. Sein Nachlass befindet sich im Fritz-Hüser-Institut in Dortmund.
Quelle: WIKI Gelsenkirchener-Geschichten.de

Zum Schauen und Lauschen:

„Freiheit kleingeschrieben“ von Detlef Marwig – Lothar Lange liest TEIL 1

„Freiheit kleingeschrieben“ von Detlef Marwig – Lothar Lange liest TEIL 2

„Freiheit kleingeschrieben“ von Detlef Marwig – Lothar Lange liest TEIL 3

Herzlichen Dank an das Consol-Theater Gelsenkirchen!


Karl-Heinz Gajewsky, Liedermacher, Archivar und Literatur-Dokumentarist aus Gelsenkirchen, sammelt und digitalisiert Originaltöne, Fotos und Dokumente zur Ruhrgebietsliteratur, die er auf seiner Plattform Reviercast.de zugänglich macht.
Für diese
Arbeit wurde er 2013 mit dem Literaturpreis Ruhr gewürdigt.

„Reviercast.de“ ist ein Internetportal über und für das Ruhrgebiet mit Literatur dieser Region als Schwerpunkt. Historische Beiträge, Kabarett und vieles andere sind hier zu finden. Ein beinahe unerschöpfliches Portal zum Stöbern und Staunen für jeden, der sich fürs Revier und für Literatur interessiert. Unzählige Autorinnen und Autoren, die im Ruhrgebiet Literatur machen, oder gemacht haben, sind in in diesem aussergewöhnlich umfangreichen, und stetig wachsenden Schallarchiv in Wort, Bild, Video und Ton vertreten.

Lo

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