Der alte Mann und das Meer…

Der Himmel strahlt hell, dazwischen einige Wolken, das Meer beschenkt mich mit seinem wunderschönsten Farbenspiel von tiefblau am Horizont bis türkisleuchtend, dazu der hellgelbe Sand und ein sanft streichend bis stark wehender Wind und das immerwährende Rauschen der am Strand aufschlagenden, ausrollenden Wellen.

Gibt es einen besseren Platz, endlich den Roman dabei zu haben, den ich mir immer schon zum Lesen vornahm?

Der alte Mann und das Meer….. von Ernest Hemingway

Die rührende Geschichte des alten kubanischen Fischers Santiago, der mit einem riesigen Marlin ringt, mit ihm spricht, wie mit einem Bruder, diesen Kampf zugleich gewinnt und verliert.

So detailreich und wunderschön geschrieben. Während des Lesens zogen zwischendurch immer ein paar dunkle Wolken übers Meer, der Wind wurde stärker, die Brandung lauter, am Ende der Geschichte strahlte die Sonne wieder, die Wolken waren weg, der tiefblaue Horizont, das Türkis des Meeres wieder da – und ich war berührt und noch ganz betäubt von dem, was ich gelesen hatte.

Gibt es einen idealeren Platz?

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Es gibt sie noch…

…diese alten Münzfernsprecher, mit denen man für wenige Peseten kurz zu Hause anrufen konnte, um mitzuteilen, dass man gut angekommen, und das Wetter traumhaft schön ist.

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Der allerschönste Satz mit vier Worten….

Wenn man gefragt wird, was wohl der schönste Satz mit drei Worten ist, denkt man sicher zuerst an „Ich liebe Dich“.  Dieses wunderbare Gefühlsgeständnis lässt den so angesprochenen Menschen hüpfen, tanzen und glücklich sein.
Ein Satz, den vermutlich Männer sehr gern hören, lautet: „Essen ist fertig“.

Es gibt einen Satz mit vier Worten, den ich besonders gerne höre:
„Sie dürfen jetzt spülen…“.

Gestern mittag vernahm ich ihn wieder – und ich war ausgesprochen glücklich und erleichtert.
Mit Elan hüpfte ich vom Marterstuhl…., alles überstanden.

La vie est belle

 

Bissi Tage!

Signatur Lo von Kohlenspott

 

 Wussten Sie schon? Gebisse sind Zähne mit beschränkter Haftung.
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Beckfelds Briefe: ein sehr persönlicher Brief an mich.

Heute fühle ich mich geadelt, denn ich habe heute einen Brief bekommen.

Wer mich privat kennt, weiß, dass ich Briefe oder Karten am liebsten mit der Hand schreibe. Ich mag es, Gedanken oder gute Wünsche an meine Adressaten gern schwungvoll mit feinem Stift – sozusagen vom Hirn in die Hand – aufs ebenso feine Papier zu bringen. Ich mag Briefeschreiben – und natürlich auch, welche zu bekommen. Besonders, wenn sie sehr persönlich verfasst sind, und ich mich beim Lesen wirklich angesprochen fühle.
So, wie heute.
Denn Hermann Beckfeld hat mir einen sehr persönlichen Brief geschrieben.
In der heutigen Samstagsausgabe der Ruhr-Nachrichten

Seit April 2012 schreibt Hermann Beckfeld, ehemals Chefredakteur der Ruhr Nachrichten, jeden Samstag offene Briefe: oft an Prominente, aber auch an Menschen, die etwas ganz Besonderes erlebt oder Großartiges geleistet haben.
Es sind wunderbare, sehr persönliche Briefe, so dicht beim Adressaten, dass man beim Lesen merkt: Hermann Beckfeld mag Menschen wirklich, zit.: „Ich mag die Nähe zu Lesern, zu Zuhörern, ich mag die Geschichten hinter der Geschichte, die ich auf Lesungen erzähle: im Pressehaus, in Kneipen und Kirchen, auf Schiffen und in Zügen, natürlich in Buchläden…“
Es wurden mittlerweile hunderte solcher besonderen Briefe, und ein guter Teil davon ist beim Verlag Henselowsky und Boschmann in drei Bänden erschienen.


Und nun die Zeilen, die Hermann Beckfeld mir heute in den Ruhr-Nachrichten widmet:


Brief an Lothar Lange

Ihre Reaktion auf Ihre Kindheit imponiert mir.
23 Jahre lang bringen Sie sich für Kinder- und Jugendliche ein…

Lieber Lothar Lange,
vor mehr als 40 Jahren haben Sie Gelsenkirchen verlassen, leben seitdem in Oberhausen. Doch die Liebe zu Ihrem Geburtsort, zu den Menschen und deren Geschichten zieht Sie immer wieder zurück in Ihre Heimatstadt. Es ist wohl auch die Reise in die eigene Kindheit und Jugend, die Sie so häufig nach Gelsenkirchen führt.
Dabei war Ihr Leben als Kind, das schnell erwachsen werden musste, schwierig. Sie wollen diese Zeit nicht verdrängen, nicht vergessen. Ganz im Gegenteil: Mit Ihrer unbändigen Lust aufs Schreiben, mit der Leichtigkeit der Worte und spürbarem Vergnügen an der persönlichen Geschichte halten Sie die Vergangenheit fest; was Sie anfangs nur für Ihre zwei Kinder aufgeschrieben haben, darf heute jedermann lesen und hören. „Vielleicht“, sagen Sie, „war mein Antrieb dazu, den Erlern zu zeigen, dass aus dem kleinen Lothar doch noch was geworden ist.“
Der kleine Lothar, unehelich geboren, dessen Mutter aus Ostpreußen kommt, eine einfache Frau vom Land mit bräitem Dialekt, eine Fürsorge-Empfängerin, die sich mit Gaststättenputzen etwas dazuverdient. Sie wohnen in Erle, in zwei Dachgeschosszimmern mit Kohleofen, Wasserentnahme im Treppenhaus, einer Toilette auf halber Treppe. Das Geld reicht hinten und vorne nicht. Kleidung, Schuhe, Bettwäsche gibt es nur über Fürsorge-Gutscheine, die im Buerschen Kaufhaus Althoff eingelöst werden. Sie schämen sich für die Armut, die Bedürftigkeit.
Ihre Mutter, die Sie als lebenslustig beschreiben, bleibt sehr oft bis weit nach Mitternacht weg, obwohl sie weiß, dass ihr kleiner Sohn keinen Wohnungsschlüssel besitzt. Häufig sitzen Sie, gerade mal sechs Jahre alt, in einer schützenden Nische hinter der Kinokasse des nahen Erler Wigger-Theaters, warten, dass Mama endlich heimkehrt.
Als Elfjähriger, der aus der Schule kommt, müssen Sie miterleben, wie die Möbel auf einen Lastwagen geladen werde. Zwangsräumung als Konsequenz aus Mietrückständen, Lebenswandel und mangelnder Sauberkeit.
Sie finden eine Bleibe in Gelsenkirchen-Beckhausen, in einer Obdachlosen-Baracke, im Revier-Volksmund Mau Mau genannt. Die Flucht aus dem Milieu ins Bürgerliche macht nur eine Vernunftehe möglich. Ihre Mutter heiratet einen 80-jährigen Witwer, für den sie geputzt hat. Sie sind 12, Ihre Mutter 47 Jahre alt.
Ihre Reaktion auf Ihre Kindheit imponiert mir. 23 Jahre lang bringen Sie sich im Vorstand einer caritativen Kinder- und Jugendhilfe-Einrichtung ein, versuchen, als Lesepate der Stadtbibliothek Oberhausen mit Geschichten den Kindern Spaß am Lesen zu vermitteln.
Nach der kaufmännischen Lehre im Lebensmittel-Einzelhandel schlagen Sie sich durch als Matratzenfabrikarbeiter, Bürogehilfe, Getränkefahrer, Stahlwerksarbeiter, als „Platten-Jockey“, später auch als Schauspieler bei „Preziosa 1883“, einem der ältesten Amateurtheater in NRW. Zuvor jedoch nutzen Sie die vierjährige Bundeswehrzeit, um an der Abendrealschule zum Versicherungskaufmann ausgebildet zu werden, der sich später in Oberhausen selbständig macht.
Aus Ihren ersten Aufzeichnungen werden Dönekes über Menschen, Geschäfte und Begebenheiten, mit denen Sie die 50er-/60er-Jahre-Revue „Pettycoat und Wirtschaftswunder in Erle“ formen und aufführen. Die Reaktion ist überwältigend. Die Gemeindehäuser sind voll, Sie müssen Extravorstellungen geben.
Mit sechs Mitstreitern gestalten Sie das Internetforum „Gelsenkirchener-Geschichten.de.“ Sie schreiben nicht nur selbst, auch mehr als 4000 User bringen sich mit Beiträgen über historische Ereignisse, persönliche Erlebnisse ein. Sie organisieren Kunstausstellungen, moderieren Lesungen, interviewen Zeitzeugen. Sie geben ein Buch heraus, eine Stadtbereisung als moderne Form der Heimatkunde. Mittlerweile füllen Sie zudem einen eigenen Blog mit dem schönen Namen Kohlenspott mit Reimzwang, Wortwitz, Tiefsinnigem und dem „latenten Hang zum Nonsens“.
Lieber Lothar Lange,
ganz besonders mag ich Ihre Geschichte über den älteren Herrn aus Österreich, der als junger Mann für ein Schalke-Spiel nach Gelsenkirchen reist. Er verliebt sich in ein Mädchen, bleibt in der Stadt und heiratet es. Er erzählte Ihnen, dass seine Frau vor einigen Monaten gestorben ist, er aber nicht zu seinem Sohn nach Berlin ziehen möchte. „Ich kann meine liebe Frau hier nicht allein auf dem Friedhof lassen.“ Er selbst liegt nach einem Herzinfarkt auf Leben und Tod. „Die Ärzte haben mich zurückgeholt. Leider.“ Als Sie ihn wenig später besuchen wollen, stehen seine Möbel auf dem Bürgersteig. Der Mann ist tot.
Freundliche Grüße
Hermann Beckfeld


Lieber Herr Beckfeld,
ich fühle mich in der Tat geadelt, mich als kleines Kohlenpott-Licht in die Riege derer
die einen Ihrer wunderbaren persönlichen Briefe erhalten haben, einreihen zu dürfen.
Herzlichen Dank dafür!
Ihr Lothar Lange


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Gezz kann nur noch Eckart dat Abendland retten.

Verdelli, wat is dat für ein verrücktet Jahr!
Wo e hinguckss – nix funktioniert, die Polletik kricht nix auffe Reihe,
nich mal ein vernünftiget Kanzlerkandidatenangebot im Schaufenster,
der Sommer is vermutlich in sein eigenet Loch gefallen, die Bahn streikt,
die Spritpreise steigen inne Höhe wie noch nie….

Und gezz auch noch dat Allerschlimmste:


Schöne Bescherung!

Der Einzige, der uns dat Fest noch retten könnte,
wäre Eckart von Hirschhausen.

Der kann nämlich allet.
Vielleicht sogar Kanzler.

Eckhart hilf!

Tschüsskes – bissi Tage!
Euern
Signatur Lo von Kohlenspott

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Et geht los!

Verdelli, dieset Jahr isset mittem Wählen wirklich nich einfach. Et hat irgendwie wat von Ramschware und Grabbeltisch. Eigentlich willze für nix aus dem Billich-Angebot Deine Stimme hergeben.

Passend dazu sind heute in Oberhausen die ersten Wahlurnen eingetroffen:

Passt.

Also:
bissi Tage!
Lo

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Unvergessen: Freibad Grimberg in Gelsenkirchen (auch hörbar als Podcast)

 

Dieser Beitrag kann auch gehört werden.


Meine Freunde Klaus und Wolfgang hatten es gut.
Ihre Eltern besaßen ein Auto.
Einen Borgward Isabella.
Damit fuhren sie in den großen Sommerferien immer nach Bayern.
Wir hatten kein Auto. Auch keine Verwandten, die irgendwo wohnten, wo es schöner als in Gelsenkirchen-Erle war und wo es nicht nach Zeche roch, bei denen ich die Sommerferien hätte verbringen können. Außer bei Tante Martha und Onkel Ernst in Aschersleben. Aber das war ja „drüben“. In der Ostzone.
Die, die nicht verreisen konnten, und das waren ja die allermeisten von uns, waren schon ein wenig neidisch auf die, die spätestens am ersten Schultag nach den Ferien von ihren Erlebnissen in den Bergen oder am Meer erzählen konnten.

Am dollsten beeindruckte mich damals nach den großen Ferien das Wiedersehen mit meinem Freund Kalle vom Erler Tiemannsweg: Kalle war klein, schmächtig, immer blass und hatte eine spitze Hühnerbrust. Die ganzen Ferien über war Kalle „verschütt“ gewesen. Und dann stand der Knirps plötzlich knackig braun und äußerst wohlgenährt mit richtig dicken Hamsterbacken vor mir und fragte: „Na, wat sachsse? Ich war sechs Wochen anne Nordsee auf Norderney! Dat is ´ne Insel.“
Man hatte Kalle zum Aufpäppeln von der Fürsorge zur Kur geschickt. So einen richtigen Urlaub hätte sich Kalles vielköpfige Familie gar nicht leisten können. Und ich staunte: „Kerl inne Kiste, Kalle, wat bisse dick geworden!“ Stand ihm aber richtig gut. Kalle erzählte uns von Strand, Wellen, und was es auf Norderney alles zu futtern gab, und ich malte mir in meiner Phantasie aus, wie es wohl so am Meer sein könnte, denn gesehen hatte ich es noch nie. Wie am Berger See bei Schloss Berge in Buer vielleicht? Eben nur viel größer?

Wir Erler Knirpse verschafften uns in den großen Ferien auch ohne Urlaubsreisen Abkühlung.
So befand sich an der Ecke Frankamp- und Seitenstraße ein kleines Lebensmittelgeschäft, das regelmäßig von einem LKW mit Stangen-Eis beliefert wurde. Wie ein Lauffeuer verbreitet sich die dann die Nachricht, dass der Eis-Kerl wieder da war – und alles rannte hin. Das Eis lag in langen eckigen Stangen unter einer Plane gestapelt hinten auf der nassen Ladefläche, von der es pausenlos tropfte. Der Fahrer pickte mit einer langen eisernen Greifzange immer eine der großen glitzernden Eis-Stangen auf, lud sie sich auf seine mit einem Lederschutz bestückte Schulter und schleppte so seine kühle Fracht in den Laden. Meist hatten wir das Glück, dass auch schon einmal ein abgebrochenes Stück Eis für uns dabei abfiel, das wir dann mit Genuss kleinlutschten, bis uns die Zähne weh taten.

In der italienischen Eisdiele Gamba auf der Cranger Straße waren wir Stammkunden. Ein Hörnchen mit einem Ballen Eis kostete 10 Pfennige. Irgendwann gab es dort für uns Knirpse was ganz spannendes: „Inne Gamba gibt et Malaga-Eis! – Mit  Rum-Rosinen drin!“ Das war der Geheimtipp, weil wir glaubten, Erwachsenen-Eis mit richtigem Schnaps zu schlecken.

Und wenn es so richtig heiß war und wir nicht zum Freibad Grimberg konnten, wurde uns als Freibadersatz einfach eine Zinkwanne auf den Hinterhof gestellt. Die Eltern von Klaus und Wolfgang hatten sogar einen richtigen Kühlschrank: da gab es dann eiskalte Limo. Oder wir lieferten uns erfrischende Wasserpistolenschlachten.

Doch den allergrößten Teil der Sommerferien verbrachten Gelsenkirchener Kinder im Freibad Grimberg, denn dat war einfach dat Größte…

FREIBAD GRIMBERG
Der mühsame Fußweg von Erle zum Freibad Grimberg führte über die Cranger Straße zum Erler Forsthaus. Von hier aus immer an den Gleisen der Graf-Bismarck-Zechenbahn entlang und später noch ein Stück durch Getreidefelder. Links der Felder kam man an einer Barackensiedlung für Obdachlose vorbei, die wir „Mau-Mau“ nannten.
Hier hatten wir immer Schiss, denn Geschichten darüber, dass die Mau-Mau-Bewohner gern die hier Vorbeigehenden überfielen, verkloppten und beklauten, nährten unsere Furcht und so rannten wir auf diesem Stück, bis wir dann endlich unbeschadet und vor Bammel und Hitze nassgeschwitzt endlich die rettende Emscherbrücke erreichten.
Ab hier vermischte sich dann der Emschergestank mit dem Duft von Chlor und Sonnencreme: Geschafft! Gleich sind wir da: GRIMBERG – wir kommen!
Vor dem Freibad-Eingang befand sich links eine Trinkhalle, die immer dicht umlagert war, daneben rechts ein großes Eisentor, über dem ein weißgrundiges Schild mit der blauen Aufschrift FREIBAD GRIMBERG hing.

Gleich rechts daneben das Gebäude mit seinen kleinen Schalterfensterchen, vor denen immer lange Schlangen von Menschen in der Sommerhitze anstanden. Wenn wir dann endlich unser 30 Pfennige bezahlt hatten, durften wir in unser Ferienparadies. Sofort strömte uns der schon vorher wahrgenommene Freibadgeruch noch viel stärker entgegen.

Was ein erstmaliger Besucher sicher nicht vermuten würde: nach dem Eintreten befand man sich wirklich „oberhalb“ des Freibades. Ging man nur wenige Schritte nach vorn, stand man vor einer hüfthohen Hecke, die die gesamte, wirklich riesige, in einem tiefen Tal liegende Freibadanlage umschloss. In diesem gigantischen, rechteckig angelegten „Tal“ da unten befanden sich die hellblau strahlenden Wasserbecken:
Links das tiefblaue Springerbecken mit einem 10-Meter-Turm. Direkt daneben das Schwimmer-Becken, verbunden durch eine breite, begehbare Mauer mit Startblöcken obenauf und offenen Fenstern unter Wasser, durch die man von einem zum anderen Becken tauchen konnte.
Das Wasser darin war immer ordentlich kälter als in allen übrigen Becken des Freibades.

Rechts davon durch einen wallartigen Wiesen- und Wegstreifen getrennt befand sich das „Allgemeine“ Becken, das von Schwimmern und Nichtschwimmern am häufigsten aufgesucht wurde. Die Wassertiefe fiel von Kniehöhe bis zu 1,80 m ab. Ein dickes Seil trennte den Nichtschwimmerbereich vom tieferen Schwimmerteil.

Die Becken waren von einem umlaufenden wassergefüllten Fußbecken mit Brausen umgeben.
Ein beliebter Spaß – zum Äger der Bademeister – war es immer, zu zweit nebeneinander durch das umlaufende schmuddelige Fußbecken zu marschieren, bis sich vor uns eine schöne, immer höher anwachsende Welle aufschob, die dann zu beiden Seiten rollend überschwappte, leider aber auch ins Schwimmbecken selbst. Ein schriller Trillerpfeifton des Bademeisters beendete dann jäh unseren Spaß. Doofer Spielverderber!
Ging man über einen weiteren Wall nach rechts, befand man sich auf einer sehr große Liegewiese mit zwei nebeneinander liegenden Nichtschwimmerbecken, die durch eine niedrige Mauer voneinander getrennt waren: „Pissbecken“ genannt. In jedes dieser Becken führte eine kleine bunte Metallrutschbahn.
Während das Wasser im Schwimmer/Springer- und dem Allgemeinen Becken strahlend blau schimmerte, fand man hier in den „Pissbecken“ nur eine warme, dreckiggrüne Brühe vor. Hiervon einen Schluck in den Mund zu bekommen, war uns eine ekelhafte Vorstellung.

Wieder weiter rechts eine große, nun ansteigende Wiesenfläche, die am obersten Punkt über drei Treppenstufen auf die Spielplatzwiese führte, die, wie alles hier, ebenfalls richtig große Ausmaße hatte und ringsum von einem Wäldchen umgeben war, in dem sich viele ein schattiges oder die Liebespärchen ein lauschiges Plätzchen suchten.


In dem Wäldchen zu rechten, also zur Straßenseite hin, lagerten einige Jahre lang „Zigeuner“ in richtigen Holzwohnwagen, wie man sie von alten Zirkusbildern her kennt. Sie waren über das gesamte Wäldchen verteilt. Viele „Zigurras“, wie wir sie nannten, waren ebenfalls im Freibad zu sehen, zahlten aber keinen Eintritt: sie hatten sich, ohne Scheu und für jeden sichtbar, einen „eigenen Eingang“ in den Zaun geschnitten. Krach wollte  „mit denen“ keiner haben. Also wurde es wohl geduldet. Nur hieß es immer, dass man besonders auf seine Klamotten aufpassen sollte…
Es lohnte sich aber, noch ein kleines Stück weiterzugehen, denn: hatte man auch diesen Spielwiesenteil durchquert, öffnete sich vor einem die tolle heiße „SANDWÜSTE“!


Die Sandwüste war eine riesengroße, nur aus feinem, hellem Sand bestehende Freifläche. Man musste schon gut Schmerzen aushalten können oder eine dicke Hornhaut unter den Fußsohlen haben, wenn man bei heißem Sommerwetter die Sandwüste barfuss durchqueren wollte.
Wir machten uns gern den Jux, uns zuerst im Pissbecken nass zu machen, schnell zur Sandwüste zu rennen, um uns dann in dem heißen Sand zu suhlen. So herrlich paniert rannten wir dann mit Gejohle wieder zum Pissbecken, um uns hier vom Sand zu befreien. Diese Unsitte trug sicherlich dazu bei, dass das Pissbeckenwasser nie eine Chance hatte, mal richtig sauber zu werden.

Originalschild Freibad Grimberg
Oberhalb zwischen dem Allgemeinen und des Pissbeckens befand sich eine schöne breite Terrasse mit Tischen und Stühlen und einem beflaggten Masten mit einer großen Uhr obenauf, die weithin sichtbar war. Der zurückliegende Kiosk wurde ohne Unterbrechung von Massen belagert, weil es hier für den, der Geld hatte, alles gab: Würstchen, Eis, Pommes, Getränke, Sonnenöl, Kämme, Wasserspielzeug, Zeitschriften….
Rechts überdacht war separat eine Kuchentheke aufgebaut.
Wir haben spitzbekommen, dass man hier nach 18 Uhr an der Kuchentheke nach Kuchenkrümeln fragen kann. Für 20 Pfennige bekamen wir dann eine richtige Gebäcktüte voll mit leckeren, sattmachenden Streuselkrümeln, und manchmal war sogar ein ganzes Hefeteilchen mit dabei, weil es nur zerbrochen oder etwas verdötscht war und nicht mehr verkauft werden konnte. Jedenfalls war das leckerer als die mitgebrachten toten Kniften, bei denen die Rama stiften ging und sich die Wurstscheiben von der Wärme dröge verbogen.
Freibad Grimberg war bei schönstem Sommerwetter jeden Tag proppevoll. Die Decken lagen dann wirklich „dicht an dicht“. Prima war es auch, wenn in der Nachbarschaft jemand lag, der ein Kofferradio oder sogar einen dieser neuen tragbaren Plattenspieler dabei hatte, bei denen man die Schallplatte nur in einen seitlichen Schlitz einschieben musste. Dann hörten wir die neuesten Schlager und hatten Spaß. Manche brachten auch Gitarren mit und unterhielten sich und alle umliegenden Leute mit fetziger Musik.
Jeden Tag ins Freibad zu wollen, kostete ja auch Geld. Wenn ich Glück hatte, durfte ich bei den Eltern von Klaus und Wolfgang in ihrem schönen gelben Borgward Isabella mitfahren, wenn sie hingebracht wurden, ansonsten war Laufen angesagt, denn die Fahrt mit der Straßenbahn kostete 20 Pfennige und endete ja schon am Erler Forsthaus, wo noch ein gutes Stück Fußweg vor mir lag. Ich nutzte daher oft die Möglichkeit, mir im Freibad Grimberg eine Freikarte zu verdienen.
Das ging dann so: man meldete sich am frühen Nachmittag bei einem der Bademeister, und fragte, ob man abends Müll aufsammeln und Papierkörbe leeren dürfte. Denn hierfür gab es dann als Lohn eine Freikarte. Das Freibad schloss um 19 Uhr. Jeder Papiersammler bekam einen Bereich zugeteilt, der piccobello und frei von Müll sein musste. Das wurde dann auch von den Bademeistern geprüft. War er dann zufrieden, erhielt man seine Freikarte.
Der Nachteil allerdings war, dass man dann den langen Weg nach Hause zu Fuß und alleine machen musste, weil die anderen ja alle schon weg waren. Egal.
Dafür hatte man aber den nächsten Ferientag im Freibad Grimberg „für umsonst“ gehabt.
Und dat war et doch wert, oder?

Verdelli, wat is dat lange her.
Wenn die Haare weiß werden, werden die Erinnerungen grün.
Isso!

Bissi Tage!

 

 


Fotos:
Institut für Stadtgeschichte Gelsenkirchen (1)
Uwe1904 (Gelsenkirchener Geschichten) Ganz großes Dankeschön, Uwe!
Wiki Gelsenkirchener Geschichten

Links zum Thema Freibad Grimberg:
https://www.gelsenkirchener-geschichten.de/wiki/Freibad_Grimberg
https://www.gelsenkirchener-geschichten.de/forum/viewtopic.php?f=182&t=599

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Der arme Baum. Schaut sein Gesicht!

Der arme Baum.

Der arme Baum! Schaut sein Gesicht!
Der arme Baum. Er mag es nicht,
wenn Messer seine Rinde ritzen
und Herzen in die Haut ihm schnitzen,
die länger als die Liebe halten,
mit tiefen Schnitten ihn mißstalten,
so dass ihm ewig Narben bleiben.
Der arme Baum. Man sieht ihn leiden.

Lothar Lange (2021)


Foto: LoLange
(Baum im Benrather Schlosspark)
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August 1961: Mauerbau und der erste Fernseher.

Soll das wirklich schon 60 Jahre her sein?

Ich erinnere mich noch sehr genau an diesen 13. August 1961.
Es war ein Sonntag
– und ich war gerade zehn Jahre alt und wohnte mit meiner Mutter in Gelsenkirchen-Erle in einer kleinen Dachgeschosswohnung – ohne Bad, aber mit Klo auf halber Treppe, das wir uns mit anderen Nachbarn teilten.

Nur wenige Tage vor dem 13. August 1961 kaufte meine Mutter beim Erler Radiohändler Heitjohann unseren ersten Fernseher – auf Raten.

Solch eine teure Neuanschaffung war damals das große Erleben von Erstmaligkeit.

Klar, dass dieser Flimmerkasten schlagartig unser Leben veränderte: endlich waren wir nicht mehr darauf angewiesen, von anderen zum Fernsehgucken eingeladen zu werden oder gar danach zu fragen.
Also verbrachte ich in diesen ersten Augusttagen 1961 beinahe jede mögliche Minute zu Hause – vor dem Fernseher.

Lothar Lange

Der kleine Lothar, etwa 1961

Und dann überschlugen sich die Ereignisse: schon am frühen Sonntagmorgen war`s im Fernsehen zu sehen: in Berlin ist etwas passiert!

Etwas Furchtbares, etwas, was Angst machte, denn der Generation meiner Mutter und den noch Älteren steckten die Nachwirkungen des Krieges noch spürbar in den Knochen. Man hatte immer Angst davor, dass eines Tages doch noch „der Russe“ kommen könnte.

Und auch wenn ich erst Zehn war, so spürte ich doch an diesem Sonntag, dass die Bilder aus Berlin Angst machten: überall Soldaten, Militärfahrzeuge, LKW mit Stacheldraht. Am Brandenburger Tor wurde die Straße quer aufgerissen. Auf der einen Seite Soldaten aus dem Osten, mit Maschinengewehren – auf der anderen Seite die Berliner Polizei. Dann auch Panzer!

Unser neuer Fernseher blieb nun bis zum späten Abend eingeschaltet, und auch in all den Tagen danach. Es gab nur noch dieses eine Thema: die Ostzone sperrt alles zu – zuerst mit Stacheldraht, und schon wenige Tage später mit Mauersteinen – und lässt niemanden aus dem Osten auf die andere Seite!

Man sieht Panzer, Maschinengewehre – und Menschen, die sich von beiden Seiten hilflos, erschüttert, weinend zuwinken.

Ich erinnere mich noch an dieses Gefühl der Hoffnung darauf, dass „der Ami“ doch bald kommen wird, um in Berlin zu helfen. Und schon wenige Tage später war dann auch der amerikanische Vizepräsident in Berlin an dieser neuen Grenze – und dazu viele amerikanische Soldaten mit Panzern.

Irgendwann später standen sich amerikanische und sowjetische Panzer in Berlin gegenüber, Bilder, die mir unvergessen geblieben sind. Und die Angst der Erwachsenen vor einem möglichen neuen Krieg übertrug sich in gewisser Weise auch auf uns.

Einige Jahre später passierte ich diese „Zonengrenze“ als Westbesucher immer wieder einmal. Hintergrund war, dass ich einen Halbbruder hatte, der 1959 – also lange vor dem Mauerbau – mit seiner Braut von Erle nach Hoyerswerda in die „Ostzone“ zog, dort als Bergmann im Braunkohlengebiet Arbeit fand und eine Familie gründete.

So fuhr ich mit meiner Mutter in den Sommerferien mit Passierschein einige Male in die „Ostzone“. Das Passieren der streng bewachten Zonengrenze mit dem Zug über den Grenzübergang Oebisfelde (Grenzbahnhof der DDR /BRD) war immer spannend, bedrückend und angstmachend zugleich: die Grenzsoldaten hatten ein für uns fremdartiges, feindselig wirkendes Benehmen, es herrschte ein kalter Kommandoton. Und wir spürten, dass wir ihnen ausgeliefert waren: alles, was wir dabei hatten, war zu öffnen, selbst Kaffeebohnen mussten auf die Abteilsitze ausgeschüttet werden, Hosentaschen waren zu leeren. Alle Reisenden hatten den Zug dann zu verlassen und wurden in eine Baracke geführt, während die Grenzer nun den Zug mit unserem Gepäck darin vermutlich auf links drehten.

Diese bedrückende Atmosphäre an der DDR-Grenze hat sich nie verändert, auch später nicht – per Auto – bei Helmstedt. Man hatte stets das Gefühl, für irgendetwas verhaftet, bestraft, oder zurückgeschickt zu werden.

Immer waren es Reisen – wie in ein anderes, wirklich fremd wirkendes graues, ärmliches Land, dessen einzige Farbtupfer die weißen Parolen auf rotem Grund, wie: „Vaterland – Frieden. Sozialismus – wir siegen!“ waren, die an den grauen, tristen Fassaden hingen. Dafür waren aber die Menschen, Nachbarn und Freunde meines Bruders von einer angenehmen Fröhlichkeit, bescheiden und pfiffig zugleich, und manchmal auch flüsternd aufmüpfig…. Man wusste ja nie, wer mithört.

Die Mauer – der 13. August 1961.
Unglaublich, dass das nun schon 60 Jahre her ist.
Meine Freude über die Bilder des Mauerfalls 1989 war unbeschreiblich.
Gänsehautgefühle mit Kloß im Hals.

Und das war gut so.

Lo.

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Gutgemeinte Warnung

Da hat et jemand sicher gut gemeint, als er diesen guten Ratschlag an die helle Fassade eines Hauses in der Oberhausener Fußgängerzone schrieb:

Auch vor dat Tückische vonne Grammatik kann gar nicht genug gewarnt werden.
Also: nimmt euch in acht.

Bissi Tage!

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