Männerlast.

 

Männerlast.

Lo Hand

Schwer ist die Last
die er mühsam hinter sich herzieht.
Schweiss rinnt ihm über die Stirn.
Durchnässt sein Hemd.
Sein Blut pulsiert, lässt seine Adern schwellen.

Schwer ist die Last.
Jeder Schritt fällt ihm schwer.
Sein Blick scheint verschleiert.
Schwindel. Taumeln.
Unwirklich, die Welt.
Als ob der Boden unter ihm schwankt.

Schwer ist die Last.
Immer noch.
Und es ist warm.
Ihn dürstet.
Und sein Weg ist noch lange nicht zuende.
Ein müder prüfender Blick nach hinten
zeigt ihm, dass nichts von seiner Fracht verloren ist.
Es wäre auch zu schade
um das Bier in seinem Vatertags-Bollerwagen.


Lothar Lange



Dieses ist ein recycelter Beitrag aus den Vorjahren,
der des hohen Feiertags für echte Männer wegen
noch einmal hervorgeholt wurde.

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Kippenschnipper

Wer Kippen in die Gegend schnippt,
und so die Landschaft arg versippt,
dem haut was deftig auf die Rippen
und stopft ihm obendrein die Kippen
zum Fraß in seine Raucherlippen!
 Lo.


Dabei gab es einmal eine Zeit, in der eine weggeworfene Zigarettenkippe nicht lange auf der Strasse liegen blieb.  Ich habe noch bildhafte Kindheitserinnerungen daran, wie Erwachsene, meist Männer, auf der Straße permanent auf dem Bürgersteigen oder an den Bordsteinkantenrändern nach weggeworfenen Zigarettenkippen Ausschau hielten. War eine Kippe gefunden, verschwand sie sogleich in der Tasche. Und weil Filterzigaretten noch nicht so in Mode waren, war sicher, dass jede gefundene Kippe noch Resttabak enthielt, aus dem sich neue Zigaretten – notfalls mit Zeitungspapier – drehen liessen.

Wir Kinder haben das, meist durch Größere angestiftet, dann auch schon mal ausprobiert, aber so richtig „lecker“ war das nicht. Um aber dick damit angeben zu können, „auch schomma eine gepafft“ zu haben, reichte es aus.

Lange her….

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Von der Melonia übers SPIEGELei zum Kohlenspott.

Verdelli! Da hat Bloggerfreund Jules van der Ley  ja ein dollet Brett losgetreten!

“Eine Sammlung historischer Bloggeschichten”
A U F R U F !
Schreibe deine eigene Bloggeschichte, erkläre den Namen deines Blogs, zeige deinen ersten Blogeintrag und verlinke zu meinem Aufruf! Ich werde die Links zu den historischen Bloggeschichten unter diesem Beitrag hier sammeln und bin gespannt auf deine Geschichte.

Das ist wieder einmal eine wunderschöne Idee, mit der Jules – nicht zum ersten Mal – die Bloggergemeinde zu aktivem Tun anstiftet:

„Schreibe deine eigene Bloggeschichte!“

Ich kann mich gar nicht dagegen wehren, dass sich spontan meine Erinnerungsmaschine in Gang setzt: plötzlich tauchen Bilder auf von klobigen Computern, FloppyDisks, Disketten und PC-Halbwissen-besitzenden Freunden, die mir halfen, zu begreifen, wie man mit einem Computer umgeht, und mich erleben ließen, was ich wieder einmal falsch gemacht habe.
Die größte Stütze jedoch bei allem, was mir den Eintritt in die Welt des Internets leichter machte, war mein Sohn. Und das ist auch bis heute noch so. Ich schweife ab.

Im Jahr 2000 hatte ich noch nichts vom Bloggen gehört: wer damals etwas auf sich hielt, hatte eine eigene „Homepage“.
Das ewige Kind und der unverbesserliche Klassenclown in mir, die beiden wollten auch so etwas: eine eigene „Homepage“, mit der ich die Welt bespaßen kann.
Und weil ich beruflich tagtäglich mit der Begutachtung von Versicherungs-Schadenfällen zu tun hatte, aus denen sich oftmals die kuriosesten Geschichten ergaben, erfand ich MELONIA, die verrückteste Versicherung der Welt.

So hieß meine Webseite, und sie war angefüllt mit den skurrilsten, verrücktesten Geschichten und Bildern und passenden Texten rund um die Dinge, die Menschen so zustoßen können. Makaber, albern, lustig, ironisch – abgefahren.
Meine MELONIA wurde rasch bekannt und hatte täglich sehr viele Zugriffe, worüber ich mich wie ein Kind freuen konnte.

Sie wurde sogar einmal zu einem Thema bei einer Radio-Show des Berliner Senders RADIO EINS. Der Sender wurde auf MELONIA aufmerksam und verabredete mit mir einen lustigen Live-Sendebeitrag für den 16. März 2002:

Man kann ihn hier noch nachhören:

Die Fernseh-Illustrierte TV-Total brachte im Juli 2003 einen Print-Artikel über meine MELONIA – und ich war stolz wie Oskar.


Das Gestalten der Website war jedoch immer etwas kompliziert und ziemlich zeitaufwändig. Die Zeit dafür fehlte mir oft, denn ich hatte ja immerhin Verantwortung für meinen eigenen Betrieb und die Mitarbeiter – und natürlich für meine Familie.

In der Zeit um 2005 kam mir der Begriff BLOG immer häufiger zu Ohren, und dass es sich hierbei wohl um eine Art öffentlichen Tagebuch handelt.

Im Sommer 2005 stieß ich auf TWODAY.net
Mir gefiel es, dass das Gestalten und Posten von Beiträgen dort viel einfacher als bei einer „Homepage“ war – und – dass ich sofort Reaktionen in Form von Kommentaren erhielt. Toll! Denn bei der bisherigen Website waren ja nur Gästebucheinträge möglich.

Die Melonia sollte es auch nicht mehr sein, sondern etwas, was meinem Hang zu Nonsens und Wortspielereien nahekommt. Eulenspiegelei? Nö. SPIEGELei !
Jau! Das war´s!
Und somit schrieb ich meinen ersten Beitrag als Blogger am 8. Dezenber 2005.

Ich merkte recht schnell: das ist mein Medium – das macht Spaß!
Es entwickelte sich bei Twoday eine wunderbare Blogger-Gemeinschaft, an der ich teilhaben durfte. Kontakte zu Menschen, die mir mit der Zeit durch ihre Beiträge oder Kommentare sympathisch wurden:
Gemeinschaftliche Wort- und Gedankenspiele, Dichten, Blödeln – aber auch Tragisches, wie 2013 der Tod von  Bloggerfreundin Eugene Faust, die wir alle sehr mochten, oder die seit Juli 2014 bis heute andauernde Stille im Blog von Bubi40, der uns mit Bibelzitaten zum ketzerischen Reimen verführte, dessen letzter Blogeintrag „Unkraut vergeht nicht“  zum Titel hatte….

Die große Sorge, als unsere „Bloggerheimat Twoday“ nur noch dahindümpelte und im Mai 2018 endgültig abgeschaltet werden sollte, veranlasste viele Blogger, ins Exil zu flüchten, sich eine neue „Heimat“ zu suchen – so auch ich.
Dank der fachkundigen Hilfe und des tollen selbstlosen Einsatzes von Neon (NEONWILDERNESS), der uns eine tragende Brücke zum Übersetzen mit all unserem aufgeschriebenen Hab und Gut zum rettenden WordPress-Ufer baute, ging nichts verloren – und ein großer Teil der alten „Community“ fand sich auch an neuer Stelle wieder.
Neon werkelt auch bis heute noch weiter in den Tiefen des Twoday-Maschinenraums und kümmert sich darum, dass der gute alte Blogdampfer nicht untergeht.

Mein persönlicher Wechsel zu WordPress (Mai 2018) führte auch zu einer neuen Idee mit einem neuen Namen: als Kind des Ruhrgebiets und aktiv Mitwirkender der Gelsenkirchener Geschichten sollte mein neuer Blog – neben dem wichtigen Nonsens! – mit meiner Heimat zu tun haben: Kunst, Kultur, Kohle: KOHLENSPOTT eben. Mein Revier. Mit Dat und Wat und Hömma!

Und das Schönste dabei: ganz viele der mir in den Jahren vertraut gewordenen mitschreibenden Menschen sind dabei nicht verlorengegangen. Und es sind Neue hinzugekommen. Einfach schön.

Bissi Tage!

 

Ach ja: ein herzliches DANKESCHÖN an Jules für diese Idee!

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Filmemacher Adolf Winkelmann wird 75 – und ein Buch

Heute wird der Dortmunder Regisseur Adolf Winkelmann  75 Jahre jung.

Die Ruhrbarone widmen ihm hierzu einen wirklich lesenswerten Beitrag:
RUHRBARONE: „Der die Bilder das Fliegen lehrt“

Passend zu diesem Datum erschien vor wenigen Tagen Adolf Winkelmanns neues Buch
„Die Bilder, der Boschmann und ich“

„Winkelmanns Gespäche mit Boschmann eröffnen einen faszinierenden Blick hinter die Kulissen der Filmemacherei. Sie erzählen ein Künstlerleben im Kohlenpott….“

Ich hab es mir bestellt – und hätte es beinahe in einem Rutsch durchgelesen, weil mich schon seit frühester Kindheit alles, was mit Filmen, Drehen und Schauspielerei fasziniert und anzieht. Vermutlich darin begründet, dass ich als Kind direkt neben einem Kino aufwuchs, später durch glückliche Umstände bei Dreharbeiten in Berlin und den Pinewood-Studios in London Filmluft schnuppern durfte.

Mit dem Buch „Die Bilder, der Boschmann und ich“ wird der Leser Zeuge von Gesprächen zwischen dem Dortmunder Filmemacher Adolf Winkelmann und dem Bottroper Buchverleger Werner Boschmann.

Es ist toll, den beiden „zuzulesen“: ihr herrlich humorvolle und sympathisch ironie-angehauchtes Frage- und Antwortspiel erinnerte mich zwischendurch ein wenig an die legendären Frontal-Moderatoren Hauser & Kienzle: ein reines Lesevergnügen, bei dem Adolf Winkelmann am Beispiel seiner Ruhrgebietsfilme „Die Abfahrer“ oder „Jede Menge Kohle“ einen tollen Blick hinter die Kulissen des Filmemachens von der frühen Phase der Idee bis hin zu den eigentlichen Dreharbeiten mit all ihren technischen oder manchmal auch menschlich begründeten Unvorhergesehenheiten gewährt.
Spannend. Zum Dranbleiben.

Ich habe mir den Spaß gemacht, das Buch erst einmal bis zur Seite 56 zu lesen, weil ich bis dahin nun alles über das „Making of“ des Abfahrer-Films erfahren habe. Mit diesem „Wissen“ schaute ich mir den Film an – und entdeckte Dinge, die ich ohne das Buch nicht hätte sehen können. Beispielsweise das Tageslicht, das durch das Führerhaus des geklauten Möbelllasters schien. Nun kenne ich den Grund dafür. Mehr verrate ich nicht.

Kurzum: die Art und Weise, wie Werner Boschmann und Adolf Winkelmann hier miteinander Gespräche führen – und Winkelmanns kursiv gesetzte Gedanken sind absolut vergnüglich – dazu die Geschichte über das Werden der „Fliegenden Bilder“ auf dem Dortmunder U, und viele Fotos machen dieses Buch absolut rund.

Es hätte auch heissen können:  „Noch Fragen, Boschmann?“

Lothar Lange


KLICK! > Hier mehr über das Buch, dem Werner Boschmann, wie zu allen „Büchern vonne Ruhr“ gern einen schönen Leinenbeutel dazulegt:

Adolf Winkelmann
Die Bilder, der Boschmann und ich
176 Seiten · gebunden mit Schutzumschlag · mit vielen Fotos · 14,90 €
ISBN 978-3-948566-06-7

Winkelmanns Gespäche mit Boschmann eröffnen einen faszinierenden Blick hinter die Kulissen der Filmemacherei. Sie erzählen ein Künstlerleben im Kohlenpott, von den kindlichen Anfängen bei der Wandergruppe des Helmholtz-Gymnasiums in Dortmund bis in die Karpaten, nach Moskau
und New York.

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Meckerwetter.

Es sprach der Bock zur Ziege:
„Ich glaube, Du, ich kriege
´nen Koller bei dem Wetter!“

Da sprach die Ziege zum Bock:
„Mensch Oller, Dein Gemecker,
dat macht mich echt bekloppt.“

 


Verdelli, ich glaube, dat Wetter is kaputt.
Gut, wenn man ´ne Couch hat, denn:
Dat beste Wetter is immer noch auffe Couch.

Bissi Tage!

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Der Dachhase.

Der Dachhase

Ein Blick nach oben – zum Kamin:
wie kommt der Hase nur dahin?
Hat der nicht heuer ´nen Termin?
Er muss doch durch die Lande zieh´n.
Mit bunten Eiern und Geschenken
die kleinen Menschen zu bedenken.

„Herr Lampe! Woll´n Sie nicht bald starten?“
„Nein, mein Herr – ich muss noch warten.
Ich wart´ hier auf den Nikolaus,
der trägt mit mir die Eier aus.
Er hilft mir heut´ mit seinem Schlitten
ich musste ihn darum sehr bitten,
man sagt, es käm noch Winterwetter,
da hilft er mir – er ist ein Netter!
Dann brauch ich nicht so arg zu frieren.
Will Weihnachten mich revanchieren,
und dann sehr gern ihm assistieren.“

„Herr Hase, das ist allerbest!
Ich wünsch´ein frohes Osterfest!“

Lothar Lange. 2021


 

Ganz lieben Dank an Brigitte Fuchs  für´s Nutzendürfen des schönen Dachhasenfotos, das auch auf ihrem lesenswerten Lyrik-Blog „Quersatzein“ zu finden ist.


 

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Heute auf der Straße aufgeschnappt.

Verdelli, den Satz kann ich nich für mich behalten.
Der is neu und noch ganz warm.
Auf dem Weg von der Oberhausener City nach Hause musste ich an zwei älteren Männern vorbei, die auf dem Bürgersteig zusammenstanden, wobei sich einer an seinem Fahrrad festhielt und der andere einen Hund an der Leine hatte.
Beim Vorbeigehen hörte ich nur, wie der Hundeleinenhalter sagte:
„Hör bloß auf! Die Sorte kenn´  ich, weisse?
Die haben jede Menge Kerbholz am Stecken!“
„Da hasse recht!“ hörte ich noch den anderen erwidern.

Mein lieber Scholli, da hatte ich aber Spässken, und damit ich diesen Kerbholz-Satz bloß nicht vergesse, habe ich ihn bis zu Hause immer wieder leise wiederholt und jetzt hier schnell hingeschrieben, den sowatt Toftet, dat darf nich verloren gehen, oder?

Mehr „Aufgeschnapptes“ gibt es hier >> „Feiertach is, wenn Aldi zu hat.“

Also: bissi Tage!

Euer

 


Und alles über das wunderbare Ruhrdeutsch ist hier zu finden:

Von Aalskuhle bis Zimtzicke – Das Lexikon der Ruhrgebietssprache.

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Scha(r)fe Frühlingsgefühle. Von der Wollust.


schäfken

Es träumte beim Grasen einst ein Schaf
und dachte so über sein Leben nach.

Dann sprach es:
Ich? Ein Herdentier?
Ich glaub, das ist nicht ganz mein Bier.
Mit andren Schafen rumzugrasen?
Um mit Geblök mich aufzublasen?
In großer Herde? Dies Gedränge?

Viel lieber ganz allein ich spränge
weit weg von Schäfer und dem Hund
als vogelfreier Vagabund.

Doch was, wenn mich die Wollust packt ???
So ganz allein? Das wär beknackt.
Und wenn ich Lust hab auf´s Vermehren?

Ich bleib, und lass mich nackich scheren.

 

Gestern dicht  – heute Dichter.

Header Schafe

 

 

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Radio & Kinderfunk. Die 50er. Das erste Radio.

Radio & Kinderfunk. Die 50er. Das erste Radio.

Den ganzen Morgen bin ich in der Schule nicht so richtig bei der Sache,
denn gestern abend sprach meine Mutter in ihrem ostpreussischen Dialekt:

„Jungchen, ich hab mir was ieberlegt. Ich werde morjen mal bei Heitjohann fragen jehen nach einem Radio.“  Heitjohann ist das Radiogeschäft in Gelsenkirchen-Erle auf der Cranger Straße, gleich neben dem Postamt. Und ein Radio besitzen wir nicht. Noch nicht.

Wir bekommen ein eigenes Radio!
Das Neueste aus dem Rundfunk erzählt uns immer die alte Frau Urban von nebenan. Sie hat so einen kleinen schwarzen Kasten auf einer Kommode neben dem Lichtschalter stehen. Mit einem gehäkelten Deckchen darunter.
Bei „Tante Urban“ darf ich auch sonntags um zwei Uhr immer den Kinderfunk vom NWDR hören. Das ist zwar schön und spannend und ich freue mich auch immer drauf. Aber bei Tante Urban riecht es immer nach „alter Omma“. Und bei ihr ist alles irgendwie fromm und ordentlich, dass ich mich nur traue, mucksmäuschenstill und stocksteif auf dem Stuhl vor ihrem Radio zu sitzen, um mir die neuesten Abenteuer von „Pingo, Pongo und dem starken Heinrich“ anzuzuhören. Und wenn der Kinderfunk vorbei ist, sag ich immer brav: „Danke, Tante Urban.“  Klar, gehört sich so.

Endlich ist die Schule aus. Ich muss immerzu an das neue Radio denken und wünsche mir ganz feste, dass es schon da ist, wenn ich gleich nach Hause komme. Ich renne die Treppenstufen zu unserer kleinen Dachgeschosswohnung hoch und höre schon im Hausflur leise Musikgeräusche aus unserer Küche kommen. Ich öffne die Wohnungstüre und sehe es schon:

Unser neues Radio! Links neben der Türe zum Schlafzimmer steht es auf einem kleinen Tischchen. Und es „spielt“.

Kinderfunk Kohlenspott

Es ist nicht so groß wie das von Onkel Otto und Tante Martha vom Hedwigplatz, die schon länger einen Radioapparat, sogar mit Schallplattenspieler, haben.

„Nu jeh mir da bloß nich dran, du Lorbaß. Nur gucken!“ Ich betrachte das neue Radio von allen Seiten. Es riecht. Nach neu. Nach Radio. Obendrauf ist es warm. Es hat unten links und rechts jeweils einen runden Drehknopf aus elfenbeinfarbigem Horn mit einem Goldrand drum. In der Mitte, zwischen den Knöpfen eine Reihe mit Tasten, die man runterdrücken muss: Aus-TA-MW-UKW-LW.
Der linke Drehknopf ist zweigeteilt: der kleinere vordere Ring ist zum laut– und leiser stellen und der etwas größere Ring dahinter zum Toneinstellen: dumpf oder klar..

„Nu verstell mir da nüscht! Hast Du nicht welche Schularbäiten auf?“
Für die blöden Hausaufgaben habe ich jetzt keine Zeit: „Nö. Nur wenig, mache ich später, darf ich dat mal ausprobieren? Ich mach schon nix kaputt.“
Meine Mutter verbietet mir selten etwas so richtig.

Mit dem rechten Knopf stellt man also die Sender ein. Aha. Das ist spannend, denn über den Knöpfen und Tasten gibt es eine schwarze Glasscheibe, auf der neben- und untereinander Städte- und Sendernamen in Goldschrift zu lesen sind: BAYR.RFK – Vatikan –Bremen – Budapest – NWDR – Kalundborg – Beromünster – England – RIAS…. Neben jedem Namen hat das schwarze Glas dann einen kleinen hellen Streifen, der von hinten beleuchtet ist.
Dreht man an dem rechten Knopf, bewegt sich ein Zeiger hinter dem Glas und zeigt auf den eingestellten Sender. Das ist aber nicht das eigentlich Spannende, sondern das grüne „magische Auge“ ganz links in der Glasscheibe! Das ist die Wucht. Verstellt man den Sender, verändert sich das grün beleuchtete Auge. Der Sender ist erst dann richtig eingestellt, wenn das Auge an allen Seiten richtig hellgrün ist und die Lichter in der Mitte des Auges nicht übereinander liegen. Das muss im Dunklen ganz toll aussehen….
Die Töne kommen aus der Stoffbespannung darüber. Dahinter ist nämlich der Lautsprecher.

In einem braunen Papier-Umschlag, der am löchrigen hinteren Deckel klebt, finde ich die Beschreibung für unser neues Radio und einen  aufklappbaren Plan mit Zeichnungen, die ich nicht verstehe. Dazu ein Papier von „Radio Heitjohann“, auf dem ich lesen kann, dass meine Mutter das Radio für 330 Mark gekauft hat. 50 Mark hat sie angezahlt. Der Rest ist in Monatsraten pünktlich und bar…

Wir haben ein eigenes Radio! Das muss ich meinen Freunden Hermann und Bernd erzählen. Die werden Augen machen, denn jetzt können wir bei uns zu Hause auch mittwochabends den englischen Schallplattenjockei Chris Howland hören, der immer so lustig spricht: „Hallo meinar Freundar! Booooing! Sitzen Sie bäquäm. Hier ist ähr alte Freund Heinrich Pumpernickel!“ Und dann spielt er die neueste englische Musik, von der ich aber kein Wort verstehe. Aber Hermann und Bernd sagen, das wäre ganz neumodern.

Vielleicht darf ich dann endlich auch einmal eins dieser Kriminalhörspiele mit Kommissar Paul Temple hören, von denen alle immer sagen, wie spannend die sind…

Ich werde Mutti schon rumkriegen…


Persönliche Kindheitserinnerungen an die Zeit um 1959 in Gelsenkirchen, die Zeit der Pettycoats und des Wirtschaftswunders mit den für damals typischen Erstmaligkeits-Erlebnissen, wie das erste Radio, den ersten Fernseh-„Apparat“…  Lothar Lange
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Glück. Der Schnapper aus dem Supermarkt.

Verdelli, wenne in dieser Zeit durche Stadt gehst, merkste schon, datt die Stimmung nich mehr so ganz fröhlich und gelöst is. Auch wennet gezz noch nich so richtich warm ist, und der Mensch ja inner kalten Jahreszeit immer en bissken die Schultern zusammenzieht, weil et noch schubbich is, merksse et trotzdem anner Körperhaltung: is allet nich so doll, wie et im Moment is.
Am Gesicht kannze et ja nich erkennen, weil – et is ja zum Teil maskiert. Und wennet schubbich is, kannze draussen keinem anne Augen ansehen, opper lacht – zumindest, wennet sich um Brillenträger handelt, weil, da ist dat Spekulier-Eisen voll im Nebel. Da erkennt sich keiner.
Da kannet auch schomma passieren, datte Dich vergrüßt.
Und jeder geht jedem aussem Weg, jeder macht ´nen Bogen um andere, die ihm begegnen. Ich merk dat auch: kommt mir einer entgegen und an mir vorbei, halte ich die Luft an und atme erst dann weiter, wenn ich dat sichere Gefühl hab, datt ich nich mehr in seinem Dunstkreis bin.
Dabei bin ich eigentlich nich so. Ich kann mit Spass auf Menschen zugehen. Aber gezz?

Wo war ich? Ach ja: datt man merkt, datt die Stimmung bei Vielen im Keller is. Datt dat Lebensglück irgendwie gebremst is. Datt die Kontakte fehlen, dat Ausgelassene, wenne gemeinsam mit anderen wat zu Lachen hass, datte schon lang keinen lieben Menschen mehr spontan in Arm genommen oder knuffich gedrückt hass, weil Dir danach is. Datt Du kein Lächeln siehss.

Et gibt auch Positivet: nämlich, datte merkst, datte mit dem, watte an Klamotten im Schrank hass, bestens auskommss, und dattet nich schlimm is, datte Dir dat Jahr über nix Neuet an Fummel dazu“geshoppt“ hass. Datt dat bisher absoluter überflüssiger Luxus war, sich jedet Jahr neue Klamotten zu kaufen.
Und datte mit sonner Erkenntnis glücklich sein kannz, weil, dann gehörsse doch zu denen, die et sich immer leisten konnten.
Positiv, dat is auch, datte merkss, datt Freunde, Kontakte, Familie, Zusammenseinkönnen – datt dat allet ein richtiger wertvoller Schatz ist.
Dat is GLÜCK. Richtiget GLÜCK, watte mit kein Geld der Welt kaufen kannz.
Glück kannze nich kaufen.

Obwohl: stimmt auch wieder nich.
Gestern stach mir im Suppermarkt dieset verlockende Angebot innet Auge:
GLÜCK – abgefüllt in Gläser – Hömma! und dat in mehrere Sorten.
Eigentlich ein Angebot, wat man nich ablehnen kann, oder?

Ich glaub dat nich, datt, wenne da so´n Glas von verputzt, datte davon die Glücksspirale inne Augen kriss. Da wird eher die Buxe von eng – und dann brauchsse doch wieder neue Klamotten. Nee, lass ma!

Also: kommt gut, fröhlich und gesund durch diese Zeit.
Bissi Tage!


 

„Geld allein macht nicht glücklich, aber es ist besser, 
in einem Taxi zu weinen als in der Straßenbahn."
Marcel Reich-Ranicki ...
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