Et geht los!

Verdelli, dieset Jahr isset mittem Wählen wirklich nich einfach. Et hat irgendwie wat von Ramschware und Grabbeltisch. Eigentlich willze für nix aus dem Billich-Angebot Deine Stimme hergeben.

Passend dazu sind heute in Oberhausen die ersten Wahlurnen eingetroffen:

Passt.

Also:
bissi Tage!
Lo

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Unvergessen: Freibad Grimberg in Gelsenkirchen (auch hörbar als Podcast)

 

Dieser Beitrag kann auch gehört werden.


Meine Freunde Klaus und Wolfgang hatten es gut.
Ihre Eltern besaßen ein Auto.
Einen Borgward Isabella.
Damit fuhren sie in den großen Sommerferien immer nach Bayern.
Wir hatten kein Auto. Auch keine Verwandten, die irgendwo wohnten, wo es schöner als in Gelsenkirchen-Erle war und wo es nicht nach Zeche roch, bei denen ich die Sommerferien hätte verbringen können. Außer bei Tante Martha und Onkel Ernst in Aschersleben. Aber das war ja „drüben“. In der Ostzone.
Die, die nicht verreisen konnten, und das waren ja die allermeisten von uns, waren schon ein wenig neidisch auf die, die spätestens am ersten Schultag nach den Ferien von ihren Erlebnissen in den Bergen oder am Meer erzählen konnten.

Am dollsten beeindruckte mich damals nach den großen Ferien das Wiedersehen mit meinem Freund Kalle vom Erler Tiemannsweg: Kalle war klein, schmächtig, immer blass und hatte eine spitze Hühnerbrust. Die ganzen Ferien über war Kalle „verschütt“ gewesen. Und dann stand der Knirps plötzlich knackig braun und äußerst wohlgenährt mit richtig dicken Hamsterbacken vor mir und fragte: „Na, wat sachsse? Ich war sechs Wochen anne Nordsee auf Norderney! Dat is ´ne Insel.“
Man hatte Kalle zum Aufpäppeln von der Fürsorge zur Kur geschickt. So einen richtigen Urlaub hätte sich Kalles vielköpfige Familie gar nicht leisten können. Und ich staunte: „Kerl inne Kiste, Kalle, wat bisse dick geworden!“ Stand ihm aber richtig gut. Kalle erzählte uns von Strand, Wellen, und was es auf Norderney alles zu futtern gab, und ich malte mir in meiner Phantasie aus, wie es wohl so am Meer sein könnte, denn gesehen hatte ich es noch nie. Wie am Berger See bei Schloss Berge in Buer vielleicht? Eben nur viel größer?

Wir Erler Knirpse verschafften uns in den großen Ferien auch ohne Urlaubsreisen Abkühlung.
So befand sich an der Ecke Frankamp- und Seitenstraße ein kleines Lebensmittelgeschäft, das regelmäßig von einem LKW mit Stangen-Eis beliefert wurde. Wie ein Lauffeuer verbreitet sich die dann die Nachricht, dass der Eis-Kerl wieder da war – und alles rannte hin. Das Eis lag in langen eckigen Stangen unter einer Plane gestapelt hinten auf der nassen Ladefläche, von der es pausenlos tropfte. Der Fahrer pickte mit einer langen eisernen Greifzange immer eine der großen glitzernden Eis-Stangen auf, lud sie sich auf seine mit einem Lederschutz bestückte Schulter und schleppte so seine kühle Fracht in den Laden. Meist hatten wir das Glück, dass auch schon einmal ein abgebrochenes Stück Eis für uns dabei abfiel, das wir dann mit Genuss kleinlutschten, bis uns die Zähne weh taten.

In der italienischen Eisdiele Gamba auf der Cranger Straße waren wir Stammkunden. Ein Hörnchen mit einem Ballen Eis kostete 10 Pfennige. Irgendwann gab es dort für uns Knirpse was ganz spannendes: „Inne Gamba gibt et Malaga-Eis! – Mit  Rum-Rosinen drin!“ Das war der Geheimtipp, weil wir glaubten, Erwachsenen-Eis mit richtigem Schnaps zu schlecken.

Und wenn es so richtig heiß war und wir nicht zum Freibad Grimberg konnten, wurde uns als Freibadersatz einfach eine Zinkwanne auf den Hinterhof gestellt. Die Eltern von Klaus und Wolfgang hatten sogar einen richtigen Kühlschrank: da gab es dann eiskalte Limo. Oder wir lieferten uns erfrischende Wasserpistolenschlachten.

Doch den allergrößten Teil der Sommerferien verbrachten Gelsenkirchener Kinder im Freibad Grimberg, denn dat war einfach dat Größte…

FREIBAD GRIMBERG
Der mühsame Fußweg von Erle zum Freibad Grimberg führte über die Cranger Straße zum Erler Forsthaus. Von hier aus immer an den Gleisen der Graf-Bismarck-Zechenbahn entlang und später noch ein Stück durch Getreidefelder. Links der Felder kam man an einer Barackensiedlung für Obdachlose vorbei, die wir „Mau-Mau“ nannten.
Hier hatten wir immer Schiss, denn Geschichten darüber, dass die Mau-Mau-Bewohner gern die hier Vorbeigehenden überfielen, verkloppten und beklauten, nährten unsere Furcht und so rannten wir auf diesem Stück, bis wir dann endlich unbeschadet und vor Bammel und Hitze nassgeschwitzt endlich die rettende Emscherbrücke erreichten.
Ab hier vermischte sich dann der Emschergestank mit dem Duft von Chlor und Sonnencreme: Geschafft! Gleich sind wir da: GRIMBERG – wir kommen!
Vor dem Freibad-Eingang befand sich links eine Trinkhalle, die immer dicht umlagert war, daneben rechts ein großes Eisentor, über dem ein weißgrundiges Schild mit der blauen Aufschrift FREIBAD GRIMBERG hing.

Gleich rechts daneben das Gebäude mit seinen kleinen Schalterfensterchen, vor denen immer lange Schlangen von Menschen in der Sommerhitze anstanden. Wenn wir dann endlich unser 30 Pfennige bezahlt hatten, durften wir in unser Ferienparadies. Sofort strömte uns der schon vorher wahrgenommene Freibadgeruch noch viel stärker entgegen.

Was ein erstmaliger Besucher sicher nicht vermuten würde: nach dem Eintreten befand man sich wirklich „oberhalb“ des Freibades. Ging man nur wenige Schritte nach vorn, stand man vor einer hüfthohen Hecke, die die gesamte, wirklich riesige, in einem tiefen Tal liegende Freibadanlage umschloss. In diesem gigantischen, rechteckig angelegten „Tal“ da unten befanden sich die hellblau strahlenden Wasserbecken:
Links das tiefblaue Springerbecken mit einem 10-Meter-Turm. Direkt daneben das Schwimmer-Becken, verbunden durch eine breite, begehbare Mauer mit Startblöcken obenauf und offenen Fenstern unter Wasser, durch die man von einem zum anderen Becken tauchen konnte.
Das Wasser darin war immer ordentlich kälter als in allen übrigen Becken des Freibades.

Rechts davon durch einen wallartigen Wiesen- und Wegstreifen getrennt befand sich das „Allgemeine“ Becken, das von Schwimmern und Nichtschwimmern am häufigsten aufgesucht wurde. Die Wassertiefe fiel von Kniehöhe bis zu 1,80 m ab. Ein dickes Seil trennte den Nichtschwimmerbereich vom tieferen Schwimmerteil.

Die Becken waren von einem umlaufenden wassergefüllten Fußbecken mit Brausen umgeben.
Ein beliebter Spaß – zum Äger der Bademeister – war es immer, zu zweit nebeneinander durch das umlaufende schmuddelige Fußbecken zu marschieren, bis sich vor uns eine schöne, immer höher anwachsende Welle aufschob, die dann zu beiden Seiten rollend überschwappte, leider aber auch ins Schwimmbecken selbst. Ein schriller Trillerpfeifton des Bademeisters beendete dann jäh unseren Spaß. Doofer Spielverderber!
Ging man über einen weiteren Wall nach rechts, befand man sich auf einer sehr große Liegewiese mit zwei nebeneinander liegenden Nichtschwimmerbecken, die durch eine niedrige Mauer voneinander getrennt waren: „Pissbecken“ genannt. In jedes dieser Becken führte eine kleine bunte Metallrutschbahn.
Während das Wasser im Schwimmer/Springer- und dem Allgemeinen Becken strahlend blau schimmerte, fand man hier in den „Pissbecken“ nur eine warme, dreckiggrüne Brühe vor. Hiervon einen Schluck in den Mund zu bekommen, war uns eine ekelhafte Vorstellung.

Wieder weiter rechts eine große, nun ansteigende Wiesenfläche, die am obersten Punkt über drei Treppenstufen auf die Spielplatzwiese führte, die, wie alles hier, ebenfalls richtig große Ausmaße hatte und ringsum von einem Wäldchen umgeben war, in dem sich viele ein schattiges oder die Liebespärchen ein lauschiges Plätzchen suchten.


In dem Wäldchen zu rechten, also zur Straßenseite hin, lagerten einige Jahre lang „Zigeuner“ in richtigen Holzwohnwagen, wie man sie von alten Zirkusbildern her kennt. Sie waren über das gesamte Wäldchen verteilt. Viele „Zigurras“, wie wir sie nannten, waren ebenfalls im Freibad zu sehen, zahlten aber keinen Eintritt: sie hatten sich, ohne Scheu und für jeden sichtbar, einen „eigenen Eingang“ in den Zaun geschnitten. Krach wollte  „mit denen“ keiner haben. Also wurde es wohl geduldet. Nur hieß es immer, dass man besonders auf seine Klamotten aufpassen sollte…
Es lohnte sich aber, noch ein kleines Stück weiterzugehen, denn: hatte man auch diesen Spielwiesenteil durchquert, öffnete sich vor einem die tolle heiße „SANDWÜSTE“!


Die Sandwüste war eine riesengroße, nur aus feinem, hellem Sand bestehende Freifläche. Man musste schon gut Schmerzen aushalten können oder eine dicke Hornhaut unter den Fußsohlen haben, wenn man bei heißem Sommerwetter die Sandwüste barfuss durchqueren wollte.
Wir machten uns gern den Jux, uns zuerst im Pissbecken nass zu machen, schnell zur Sandwüste zu rennen, um uns dann in dem heißen Sand zu suhlen. So herrlich paniert rannten wir dann mit Gejohle wieder zum Pissbecken, um uns hier vom Sand zu befreien. Diese Unsitte trug sicherlich dazu bei, dass das Pissbeckenwasser nie eine Chance hatte, mal richtig sauber zu werden.

Originalschild Freibad Grimberg
Oberhalb zwischen dem Allgemeinen und des Pissbeckens befand sich eine schöne breite Terrasse mit Tischen und Stühlen und einem beflaggten Masten mit einer großen Uhr obenauf, die weithin sichtbar war. Der zurückliegende Kiosk wurde ohne Unterbrechung von Massen belagert, weil es hier für den, der Geld hatte, alles gab: Würstchen, Eis, Pommes, Getränke, Sonnenöl, Kämme, Wasserspielzeug, Zeitschriften….
Rechts überdacht war separat eine Kuchentheke aufgebaut.
Wir haben spitzbekommen, dass man hier nach 18 Uhr an der Kuchentheke nach Kuchenkrümeln fragen kann. Für 20 Pfennige bekamen wir dann eine richtige Gebäcktüte voll mit leckeren, sattmachenden Streuselkrümeln, und manchmal war sogar ein ganzes Hefeteilchen mit dabei, weil es nur zerbrochen oder etwas verdötscht war und nicht mehr verkauft werden konnte. Jedenfalls war das leckerer als die mitgebrachten toten Kniften, bei denen die Rama stiften ging und sich die Wurstscheiben von der Wärme dröge verbogen.
Freibad Grimberg war bei schönstem Sommerwetter jeden Tag proppevoll. Die Decken lagen dann wirklich „dicht an dicht“. Prima war es auch, wenn in der Nachbarschaft jemand lag, der ein Kofferradio oder sogar einen dieser neuen tragbaren Plattenspieler dabei hatte, bei denen man die Schallplatte nur in einen seitlichen Schlitz einschieben musste. Dann hörten wir die neuesten Schlager und hatten Spaß. Manche brachten auch Gitarren mit und unterhielten sich und alle umliegenden Leute mit fetziger Musik.
Jeden Tag ins Freibad zu wollen, kostete ja auch Geld. Wenn ich Glück hatte, durfte ich bei den Eltern von Klaus und Wolfgang in ihrem schönen gelben Borgward Isabella mitfahren, wenn sie hingebracht wurden, ansonsten war Laufen angesagt, denn die Fahrt mit der Straßenbahn kostete 20 Pfennige und endete ja schon am Erler Forsthaus, wo noch ein gutes Stück Fußweg vor mir lag. Ich nutzte daher oft die Möglichkeit, mir im Freibad Grimberg eine Freikarte zu verdienen.
Das ging dann so: man meldete sich am frühen Nachmittag bei einem der Bademeister, und fragte, ob man abends Müll aufsammeln und Papierkörbe leeren dürfte. Denn hierfür gab es dann als Lohn eine Freikarte. Das Freibad schloss um 19 Uhr. Jeder Papiersammler bekam einen Bereich zugeteilt, der piccobello und frei von Müll sein musste. Das wurde dann auch von den Bademeistern geprüft. War er dann zufrieden, erhielt man seine Freikarte.
Der Nachteil allerdings war, dass man dann den langen Weg nach Hause zu Fuß und alleine machen musste, weil die anderen ja alle schon weg waren. Egal.
Dafür hatte man aber den nächsten Ferientag im Freibad Grimberg „für umsonst“ gehabt.
Und dat war et doch wert, oder?

Verdelli, wat is dat lange her.
Wenn die Haare weiß werden, werden die Erinnerungen grün.
Isso!

Bissi Tage!

 

 


Fotos:
Institut für Stadtgeschichte Gelsenkirchen (1)
Uwe1904 (Gelsenkirchener Geschichten) Ganz großes Dankeschön, Uwe!
Wiki Gelsenkirchener Geschichten

Links zum Thema Freibad Grimberg:
https://www.gelsenkirchener-geschichten.de/wiki/Freibad_Grimberg
https://www.gelsenkirchener-geschichten.de/forum/viewtopic.php?f=182&t=599

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Der arme Baum. Schaut sein Gesicht!

Der arme Baum.

Der arme Baum! Schaut sein Gesicht!
Der arme Baum. Er mag es nicht,
wenn Messer seine Rinde ritzen
und Herzen in die Haut ihm schnitzen,
die länger als die Liebe halten,
mit tiefen Schnitten ihn mißstalten,
so dass ihm ewig Narben bleiben.
Der arme Baum. Man sieht ihn leiden.

Lothar Lange (2021)


Foto: LoLange
(Baum im Benrather Schlosspark)
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August 1961: Mauerbau und der erste Fernseher.

Soll das wirklich schon 60 Jahre her sein?

Ich erinnere mich noch sehr genau an diesen 13. August 1961.
Es war ein Sonntag
– und ich war gerade zehn Jahre alt und wohnte mit meiner Mutter in Gelsenkirchen-Erle in einer kleinen Dachgeschosswohnung – ohne Bad, aber mit Klo auf halber Treppe, das wir uns mit anderen Nachbarn teilten.

Nur wenige Tage vor dem 13. August 1961 kaufte meine Mutter beim Erler Radiohändler Heitjohann unseren ersten Fernseher – auf Raten.

Solch eine teure Neuanschaffung war damals das große Erleben von Erstmaligkeit.

Klar, dass dieser Flimmerkasten schlagartig unser Leben veränderte: endlich waren wir nicht mehr darauf angewiesen, von anderen zum Fernsehgucken eingeladen zu werden oder gar danach zu fragen.
Also verbrachte ich in diesen ersten Augusttagen 1961 beinahe jede mögliche Minute zu Hause – vor dem Fernseher.

Lothar Lange

Der kleine Lothar, etwa 1961

Und dann überschlugen sich die Ereignisse: schon am frühen Sonntagmorgen war`s im Fernsehen zu sehen: in Berlin ist etwas passiert!

Etwas Furchtbares, etwas, was Angst machte, denn der Generation meiner Mutter und den noch Älteren steckten die Nachwirkungen des Krieges noch spürbar in den Knochen. Man hatte immer Angst davor, dass eines Tages doch noch „der Russe“ kommen könnte.

Und auch wenn ich erst Zehn war, so spürte ich doch an diesem Sonntag, dass die Bilder aus Berlin Angst machten: überall Soldaten, Militärfahrzeuge, LKW mit Stacheldraht. Am Brandenburger Tor wurde die Straße quer aufgerissen. Auf der einen Seite Soldaten aus dem Osten, mit Maschinengewehren – auf der anderen Seite die Berliner Polizei. Dann auch Panzer!

Unser neuer Fernseher blieb nun bis zum späten Abend eingeschaltet, und auch in all den Tagen danach. Es gab nur noch dieses eine Thema: die Ostzone sperrt alles zu – zuerst mit Stacheldraht, und schon wenige Tage später mit Mauersteinen – und lässt niemanden aus dem Osten auf die andere Seite!

Man sieht Panzer, Maschinengewehre – und Menschen, die sich von beiden Seiten hilflos, erschüttert, weinend zuwinken.

Ich erinnere mich noch an dieses Gefühl der Hoffnung darauf, dass „der Ami“ doch bald kommen wird, um in Berlin zu helfen. Und schon wenige Tage später war dann auch der amerikanische Vizepräsident in Berlin an dieser neuen Grenze – und dazu viele amerikanische Soldaten mit Panzern.

Irgendwann später standen sich amerikanische und sowjetische Panzer in Berlin gegenüber, Bilder, die mir unvergessen geblieben sind. Und die Angst der Erwachsenen vor einem möglichen neuen Krieg übertrug sich in gewisser Weise auch auf uns.

Einige Jahre später passierte ich diese „Zonengrenze“ als Westbesucher immer wieder einmal. Hintergrund war, dass ich einen Halbbruder hatte, der 1959 – also lange vor dem Mauerbau – mit seiner Braut von Erle nach Hoyerswerda in die „Ostzone“ zog, dort als Bergmann im Braunkohlengebiet Arbeit fand und eine Familie gründete.

So fuhr ich mit meiner Mutter in den Sommerferien mit Passierschein einige Male in die „Ostzone“. Das Passieren der streng bewachten Zonengrenze mit dem Zug über den Grenzübergang Oebisfelde (Grenzbahnhof der DDR /BRD) war immer spannend, bedrückend und angstmachend zugleich: die Grenzsoldaten hatten ein für uns fremdartiges, feindselig wirkendes Benehmen, es herrschte ein kalter Kommandoton. Und wir spürten, dass wir ihnen ausgeliefert waren: alles, was wir dabei hatten, war zu öffnen, selbst Kaffeebohnen mussten auf die Abteilsitze ausgeschüttet werden, Hosentaschen waren zu leeren. Alle Reisenden hatten den Zug dann zu verlassen und wurden in eine Baracke geführt, während die Grenzer nun den Zug mit unserem Gepäck darin vermutlich auf links drehten.

Diese bedrückende Atmosphäre an der DDR-Grenze hat sich nie verändert, auch später nicht – per Auto – bei Helmstedt. Man hatte stets das Gefühl, für irgendetwas verhaftet, bestraft, oder zurückgeschickt zu werden.

Immer waren es Reisen – wie in ein anderes, wirklich fremd wirkendes graues, ärmliches Land, dessen einzige Farbtupfer die weißen Parolen auf rotem Grund, wie: „Vaterland – Frieden. Sozialismus – wir siegen!“ waren, die an den grauen, tristen Fassaden hingen. Dafür waren aber die Menschen, Nachbarn und Freunde meines Bruders von einer angenehmen Fröhlichkeit, bescheiden und pfiffig zugleich, und manchmal auch flüsternd aufmüpfig…. Man wusste ja nie, wer mithört.

Die Mauer – der 13. August 1961.
Unglaublich, dass das nun schon 60 Jahre her ist.
Meine Freude über die Bilder des Mauerfalls 1989 war unbeschreiblich.
Gänsehautgefühle mit Kloß im Hals.

Und das war gut so.

Lo.

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Gutgemeinte Warnung

Da hat et jemand sicher gut gemeint, als er diesen guten Ratschlag an die helle Fassade eines Hauses in der Oberhausener Fußgängerzone schrieb:

Auch vor dat Tückische vonne Grammatik kann gar nicht genug gewarnt werden.
Also: nimmt euch in acht.

Bissi Tage!

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ALDI macht alt.

Eigentlich fühle ich mich ja frisch, fit und richtig gut beweglich. Kein Weg ist mir zum Laufen zu weit, kein Berg zu hoch und auch keine Treppe zu steil. Und meine Radtouren durch den Pott und dat Rheinland mache ich, wie et sich gehört, mittem Bio-Rad (dat is ohne Strom). Und, wat auch ein Segen is: mir tut nix weh. Bis auf dat Gehör, dat verschafft mir die Freude, allet, wat ich nich hören muss, gnädig wegzufiltern.

Aber sonz: ich würd´mal sagen: MUSS!
Allet gut. So darf et gern bleiben.

Bis auf heute morgen, als ich aldi neuen Angebote meines Lebensmittelversorgers in Augenschein nahm:

Senioren-Kugelschreiber? Verdelli: für wat sind die? Und wat können die?
Mit sowat Knubbeliget inne Finger kannze donnich schreiben? Oder doch?

Und dann, glaub ich, happ ich et rausgekricht, wat diese Seniorenstifte vielleicht können könnten: DIE KÖNNEN SÜTTERLIN! Bestimmt! Dat wird et sein!

Du nimmst so´n Seniorenstift inne Hand, schreibst wat so, wie Du et bisher gewohnt bist, und auffem Papier is dat dann in Sütterlin geschrieben. Und so kannze dann Briefe an ganz alte Senioren (und -innen) schreiben, auch wenne selber kein Sütterlin kannz – und die alten Menschen freuen sich, datt se mal einen Brief in der Schrift kriegen, die sie immer noch auf ihre betagte Festplatte haben.

Gezz hab ich mich – immer noch vor dem Grabbeltisch mit aldie Seniorenkugelschreiber stehend- aber daran erinnert, datt man auch mir in der Schule noch dat alte Sütterlin vermittelt hat, damit ich et schreiben und somit auch lesen kann.

Dat muss gefühlte 120 Jahre her sein. Ob ich dat wohl noch kann? Lesen ja, aber schreiben?

Ich happet mit ’nem normalen Stift versucht:

Nee, dat klappt nich.

Morgen kauf ich mir so’n Sütterlin-Knubbel. Und schreib mir selbst ’n Brief in Sütterlin.

Komisch. Gezz fühl‘ ich mich irgendwie ein bissken alt.

Verdelli.

Bissi Tage! Lo

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Welch ein (Un)glück…

Mülheim/Ruhr – Grenze Oberhausen

Ich habe heute morgen sehr bewusst gespürt,
welch´großes Glück es doch ist,
ein Dach über dem Kopf zu haben
und im eigenen Bett schlafen zu können…

…und wie viele tausend Dinge ich doch besitze, von denen ich mich ungern trennen würde. Nur etwas mehr, als eine halbe Stunde von hier entfernt, wurden Menschen gar nicht danach gefragt. Sie verloren ALLES innerhalb weniger Minuten…, sogar geliebte Menschen.

Lo.

Zufrieden zu sein mit dem, was man hat,
ist vermutlich das Geheimnis von Glück.

 

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Ruhrgebietssprache: Von Duppa bis Kabachel

Sprache, so sacht man, is sich ja immer am verändern.
Dat stimmt auch: dat ist ein ewigen Prozess. Kommt wat Neuet hinzu, geht auffe andere Seite wat verloren. Dat merksse, wenne mal mit alten Leuten sprichs. Die benutzen Wörter, die hörsse heute kaum noch.
Und eines Tages sind se wech, die alten Leute, und somit ihre alten Wörter auch.
Beispiel? Die Duppa.
Dat war früher fürn „Hintern“ gemeint und kam aussem Polnischen.
„Kumma, die Frau Kowallek mit ihre dicke Duppa!“
Ja, dat hörsse heute donnich mehr! Und dat, wo et doch heute viel mehr dicke Hintern gibt, als früher, als im Ruhrpott noch Kohldampf geschoben wurde.
Oder „Kabachel“.
Dat sachte man früher für ein ollet Haus, wat vergammelt und kurz vom Einstürzen war.
Kabachel? Hörrsse heute aunich mehr.

Ja, und deswegen isset wichtig, dattet Leute gibt, die sich mit Herzblut die Arbeit machen, unser Ruhrgebietsdeutsch am Leben zu erhalten, und allet in ein Lexikon aufschreiben, damit nix verloren geht von dem, wie man hier korrekt sprach, immer noch spricht, zankt oder sich sogar beleidigt. Dat is sprachlichen Artenschutz vom Feinsten. Und da is auch viel zum Staunen und auch zum Beömmeln dabei.

Und weil dieset Lexikon der Ruhrgebietssprache in jeden Haushalt gehört, wurde peinlich darauf geachtet, dattet sich vom Preis (€ 9,90) her auch jeder leisten kann, obwohl et auf 144 Seiten wirklich pickepackevoll ist:

  • Vollständige Grammatik der Ruhrgebietssprache
    • Erstmalig die zehnstufige Liste der ruhrdeutschen Trunkenheitsgrade
    • Die Revier-Beleidigungsstufen mit 241 exakt zugeordneten Beleidigungen
    • Liebliche Bezeichnungen von Lappes bis Etteken
    • Wichtige Gesprächsregeln für Anfänger und Fortgeschrittene
    • Die Höhepunkte der deutschen Literatur
    • Eine kleine Geschichte des Ruhrdeutschen von Dirk Hallenberger
    • NEU Ratgeber für Lauschepper – Erfolgreich bestechen im Ruhrgebiet

Klasse!
Bissi Tage!
Lo.


Das ist mir wichtig: wenn ich hier hin und wieder ein Buch beschreibe, das mir gefällt, so geschieht dieses stes ohne wirtschaftliches Interesse meinerseits, ohne Beeinflussung meiner Meinung und grundsätzlich ohne Gegenleistung, ausser vielleicht, dass die Freude der Autoren/ der Autorin/nen darüber mein ach so altes Herz erfreut. Dat isso!   🙂

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Pinkelstein?

Als ich neulich auf dem Weg nach Luxemburg an diesem Schild vorbeikam, habe ich mich spontan gefragt, ob es sich bei diesem Parkplatz um ein reines Männerpinkelatorium handelt.

Was einem manchmal so durch den Kopf geht…. tss..

Bissi Tage!

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Von Erwin mittem Schlach inner Buxe. Eine Vorbilderbuch-Empfehlung.

Es war die Zeit der Beatles, so um 1966, da wollte ich gern so sein wie Erwin Plaschke aus der Zechensiedlung von Graf Bismarck. Niemand aus der Gegend nannte ihn beim Vornamen. Erwin, dat war „der Plaschke“.
Sein Markenzeichen war die Pilzkopf-Frisur, exakt so wie die Beatles sie trugen – und „Schlach-Hosen“, unten weit ausgestellt. Plaschke hatte nicht nur „Schlach“ in den Buxenbeinen, sondern auch „Schlach“ bei den Mädchen. Egal, wo Plaschke auftauchte, waren auch Mädchen nicht weit.
Der Plaschke war auch Thema: „Hasse schon gehört, der Plaschke geht nich mehr mit der Uschi, der soll gezz mit der Elke zusammensein…“
Plaschke sprach nicht viel, aber, wenn er zu den Beatklängen aus der Musikbox in der Eisdiele auf den Tischen mit zwei Fingern den Schlagzeugpart perfekt nachtrommelte, waren alle begeistert. Plaschke, der war ein richtiger Typ.
So wie er wäre ich damals auch gern gewesen.
Gut, meine „Matte“ trug ich auch lang, hatte auch eine Pilzkopffrisur, die lag aber eben nicht so toffte, wie „Plaschke seine Matte“.
Und mit einigen Mädchen durchlebte ich ich durchaus einige heftige Verknalltheiten, aber, wenn es drauf ankam, war ich mit dem ersten Knutschversuch meist zu zögerlich – schüchtern eben.
Plaschke. Der konnte dat. Der war damals so etwas wie ein Vorbild für mich.
Aus der pubertären Sicht eines 15jährigen.

Ich hatte den Plaschke eigentlich längst vergessen, doch vor ein paar Tagen bekam ich Lust darauf, ein Buch noch einmal, zum zweiten Mal zu lesen, was bei mir eigentlich so gut wie nie vorkommt. Titel: VORBILDERBUCH
Der Titel und „Kleine Galerie der Menschlichkeit“ als Untertitel lassen vielleicht nicht spontan erahnen, wie kurzweilig, spannend, lustig – und nachdenklich machend dieses Buch ist.

Da schreiben 33 (!) Autoren aus dem Ruhrgebiet etwas über Menschen, die ihnen in ihrem Leben begegnet sind, die ihnen etwas mitgegeben haben, sei es der „Klümpken-Fielosof“ vonne Bude, oder ein Lehrer, ein Lügenbaron aus Bochum, ein Lebenskünstler, ein Kumpel, der klauende tolle Dieter aus Gelsenkirchen-Erle, oder Großtante Maria, die alle „Tammaria“ nannten….

Beim Lesen dieser vielen, absolut kurzweiligen Geschichten passierte es dann: mir kamen plötzlich Menschen in den Sinn, die ich längst vergessen habe. Menschen, die mir irgendwo in meinem Leben einen kleinen Schubs gegeben haben, Vorbilder oder Begleiter für eine bestimmte Zeit meines Lebens, ohne die ich vielleicht andere Entscheidungen für mich getroffen hätte, die Eigenschaften an mir oder Einstellungen in mir verändert haben.

Ohne dieses „Vorbilderbuch“ wäre mir Erwin Plaschke vermutlich nie mehr in den Sinn gekommen. Er war auch nur für eine kurze Episode meines Lebens so etwas wie ein Vorbild. Vielleicht eher eine Art schillerndes Idol, denn mit vorbildlichen Tugenden war Plaschke bestimmt nicht ausgestattet.

Später begegneten mir andere Menschen, die hier und da an kleinen Schräubchen, Rädchen und Weichen meines Lebens drehten, und es vielleicht bis heute gar nicht wissen, dass ich ohne sie vielleicht ganz woanders gelandet wäre. Und wer weiß, wen ich noch alles treffen werde?

Ach ja: das Buch!  🙂
Das ist so ein Leseschätzchen, das mich beim vergnüglichen Lesegenuss an manche Weggefährt/innen erinnern ließ. Empfehle ich aufrichtig gern.

VORBILDERBUCH
Kleine Galerie der Menschlichkeit
240 Seiten · gebunden · mit Lesebändchen · 9,90 €
Umschlag: Ilse Straeter
ISBN 978-3-942094-95-5
Verlag Henselowsky Boschmann
Regionaler Literaturversorger Ruhrgebiet

„Wir sind aus dem Ruhrgebiet, wir sind altmodisch, wir haben Vorbilder. Sie bedeuten uns sehr viel. Denn wer keine Vorbilder mehr nötig zu haben glaubt, der hat sich aufgegeben und ist auf dem Weg in die Barbarei. So ist dieses Buch der Vorbilder auch eine kleine Galerie der Menschlichkeit.“

 Hier mehr über das VORBILDERBUCH, und wie man es bekommt,


Das ist mir wichtig: wenn ich hier hin und wieder ein Buch beschreibe, das mir gefällt, so geschieht dieses stes ohne wirtschaftliches Interesse meinerseits, ohne Beeinflussung meiner Meinung und grundsätzlich ohne Gegenleistung, ausser vielleicht, dass die Freude der Autoren/ der Autorin/nen darüber mein ach so altes Herz erfreut. Alles klar?

Bissi Tage!

 

Veröffentlicht unter Allgemein, Bücher, Emscherland, Fundstücke, Kindheit im Pott, Kohlenpott, Kurioses, Lächeln, Lebens.Stücke, LITERATURWERKSTATT RUHR, Momente, Ruhrgebiet, Ruhrpott, Watt et nich allet gibt! | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , | 7 Kommentare