Monsieur Paillot und sein Blick aufs Ruhrrevier 1794

Stell Dir vor, Du lernst einen wahrhaften Zeitzeugen kennen, der Dir beinahe bis in Kleinste beschreibt, wie das Leben vor 226 Jahren hier im Ruhrgebiet funktionierte, und wie es hier aussah – in Düsseldorf, Dorsten, Hagen, Mülheim, Dortmund, Duisburg, Essen, Bottrop, Osterfeld oder Kirchhellen. Lange, sehr lange, bevor es die Industrie gab.

Und er beschreibt es Dir so, dass Du es Dir richtig bildlich und lebendig vorstellen kannst, weil er höchst sorgfältig Tagebuch führte.  Weder Schnaps, noch Pumpernickel hat er  ausgelassen, auch nicht sein Erstaunen darüber, dass unbegüterte Bauern in Westfalen mitsamt Weib, erwachsenen Kindern und Gesinde zusammen in einem Bett schlafen.

Und nichts davon ist in der Neuzeit erdacht, sondern tatsächlich 1794 aufgeschrieben von einem gewissen Pierre-Hippolyte-Léopold Paillot, einem wohlhabenden Gerbermeister aus Frankreich, der aufgrund der Schrecken der französischen Revolution gezwungen war, Hals über Kopf sein Haus in Frankreich zu verlassen und mit einem Fuhrwerk und einem Teil seines Hab und Gutes hier bei uns „inne Gegend“ landete, mal hier und mal dort wohnte. Spannend.

Aus dem Klappentext:

„Monsieur Pierre-Hippolyte-Léopold Paillot möchte seinen wohlhabenden Kopf nicht verlieren. Zwar sind Paris und die Revolution ziemlich weit weg, aber es ist 1794, und die „Schreckensherrschaft“ rückt Schritt für Schritt bedrohlich näher…“

So macht er sich denn mit Familie und Verwandtschaft auf ins sichere Rheinland und nach Westfalen. Monsieur Paillot ist schwer neugierig, schaut ganz genau hin, schreibt alles auf. Einiges ist ihm suspekt, zum Beispiel Pumpernickel und die Unterkünfte; anderes dort im Nirgendwo überrascht ihn, ja, Dorffeste und Wacholderschnaps nötigen ihm sogar ein ganz klein wenig Bewunderung ab.“

Werner Boschmann, der den Tagebüchern – eigentlich auf der Suche nach historischen Einzelheiten über eine Hamborner Zeche – durch einen glücklichen Zufall auf die Spur gekommen ist, schreibt:

„Unser Ruhrgebiet Ende des 18. Jahrhunderts, zu einer Zeit, als im republikanischen Frankreich die Guillotine herrscht…, Düsseldorf, Dorsten, Hagen, Mülheim, Dortmund, Duisburg, Essen, Bottrop, Osterfeld und Kirchhellen…, gesehen durch die Augen eines unfreiwilligen Besuchers! Welch eine Geschichte!“

„Durch Paillot erfahren wir ehrliche, wertvolle Erkenntnisse über unsere Vorfahren. Mit den Augen eines Fremden blickt er auf eine Region, die sich zwei, drei Generationen später völlig gewandelt haben wird. Wir schauen auf unsere Wurzeln und können – mit einem feinen Lächeln – dass das ganze Grundsätzliche unserer heutigen Mentalität – und hier meine ich nicht nur die Liebe zum Stielmus – schon vor 225 Jahren erkennbar war, ja, dass wir im Ruhrgebiet eine gewachsene Identität besitzen (die uns seit Jahrzehnten in Gänze abgesprochen wird).“

Ich habe dieses Buch eigentlich nur so als Bettlektüre vorm Einschlafen nehmen wollen.  Tja, und nachdem ich zu Lesen begann, war mir das Einschlafen nicht mehr wichtig. Alles, was Monsier Paillot hier bei uns erlebte, ist so lebendig beschrieben und mit reichlich alten Karten, Dokumenten und Beschreibungen ergänzt, dass es für mich, der ich in meinen acht Volksschuljahren nur minimale Geschichtsvermittlung genießen durfte, zu meinem  persönlichen Geschichtsbuch des Ruhrgebietes wurde, auch wenn es sich nur auf das Jahr 1794 beschränkt. Denn ganz nebenbei erfuhr ich eine ganze Menge über die Französische Revolution: lebendig, spannend und fernab der üblichen Jahreszahlenpaukerei.

Kurzum: Werner Bergmann und Werner Boschmann haben durch den Tagebuch-Fund und dessen Bearbeitung und Veröffentlichung mit diesem Buch ein (Zeit-)Fenster aufgestoßen, durch das man in das Ruhrgebiet von vor 226 Jahren schauen kann.

Auch optisch gefällt mir das Buch durch sein Querformat. Für mich eine kurzweilige Fast-Pflichtlektüre für jeden Ruhrgebietler. Preiswert dazu.

Vielleicht was für den Gabentisch?

 

Monsieur Paillot im Nirgendwo
Land und Leute aus der Sicht eines Revolutionsflüchtlings
am Vorabend des Reviers
herausgegeben von Werner Bergmann und Werner Boschmannn
aus dem Französischen übersetzt von Luc le Gall
96 Seiten · gebunden · 2. Auflage · 14,90 €
ISBN 978-3-942094-34-4

Im Buchhandel oder direkt beim Verlag  „hier umme Ecke“

 

Bissi Tage!

 

 


P.S.: Meine Buchempfehlung ist frei von kommerziellen Interessen und erfolgt nur aufgrund meiner aufrichtigen Begeisterung.

 

 

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3 Antworten zu Monsieur Paillot und sein Blick aufs Ruhrrevier 1794

  1. dergl sagt:

    Datt muss ich Wunschzettel tun.

  2. Die heutige Zeit ist ja auch nicht perfekt und leicht – aber damals war es für unbegüterte Menschen sicher noch viel schwerer als heute.
    Ich kann mir sehr gut vorstellen, wie dich das Buch angenehm vom Schlafen abgehalten hat.
    Mit Gruß vonne Clara

  3. Heinrich sagt:

    Das kann alles kein Zufall sein!

    Lieber Lo,
    dass Sie ausgerechnet zum 2. Advent, der auch noch auf den Nikolaustag fällt, nein anders herum, dass Sie ausgerechnet zum Nikolaustag (der zufällig auf den 2. Advent fällt) erwähnen, zwar einen Tag vorher, aber es muss ja auch alles vorbereitet werden, dass Monsieur Paillot während seiner Reise nach Westfalen dem Pumpernickel begegnet ist, was ihm sehr suspekt erschien, ist sicher von langer Hand geplant.
    Die Wortherkunft sagt, das Wort Pumpernickel soll furzender Nikolaus bedeuten und soll ursprünglich ein Schimpfwort für einen groben Flegel gewesen sein.
    Und so etwas esse ich seit Jahren, ohne mir der Tragweite bewusst zu sein.
    Da ist man von den Socken und darum werden die zum Nikolaustag sicher vor die Tür gehängt?!?
    Gruß Heinrich

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