Unterwegs im Pott: abgefahrene Begegnungen.

Seit ich nicht mehr „an die Schüppe“muss, liebe ich es, mit dem Fahrrad „Heimatkunde“ zu betreiben. Ich, der ich mich immer gern als Kind des Ruhrgebietes sehe, erkenne dabei, wie viel mehr ich von der Region, in der ich geboren und aufgewachsen bin, erst durch das Radfahren kennenlerne.

Ein lieber Freund, um einige Jahre älter als ich, dabei fit und mit viel Wissen über unsere Industriekultur, aber auch mit Neugier, Spaß am Entdecken und einem ähnlichen Humor, wie ich ihn habe, ausgestattet, ist dabei meist mein Begleiter. Vom Ruhrgebiet bis zum Niederrhein sind wir schon recht vieles mit unseren (immer-noch-nicht-elektrischen) Rädern abgefahren.

So auch gestern wieder einmal: von Oberhausen nach Kaiserswerth. Das Wetter war trübe – nicht aber unser Sinn.
Und so gab es neben neben neuen Entdeckungen auch, wie fast immer – herrlich „abgefahrene“ Begegnungen:

Der ältere Herr, der uns im Wald bei Duisburg-Rahm mit aufgefalteter Radkarte erblickte, und uns von sich aus mit seiner Ortskenntnis einen tollen Weg mit kleinem Abstecher zum Schloss Heltorf empfahl – und mit dem wir ins Plaudern über Politik, den Unterschied zwischen Komikern (neudeutsch Comedians) und Kabarettisten kamen, und der uns zum Schluss noch das Tucholsky-Zitat: Wenn Wahlen etwas ändern würden, wären sie schon längst verboten“ mit auf den Weg gab.

Der etwas kräftige Frührentner kurz vor Wittlaer, der uns auf seinem Elektrofahrrad entgegenkam, und den wir eigentlich nur fragten, ob man schon einen Feldweg früher als geplant in Richtung Rhein abbiegen könnte – dieser sich leider aber nicht davon abbringen  ließ, umzukehren, und uns die ganze Zeit wortreich über die Vorzüge der Anschaffung seines E-Bikes und der dabei zu beachtenden Unterschiede aufklärend bis zum Rhein zu geleiten.  Gut gemeint….

Das sympathische Düsseldorfer Pärchen am Berliner Grill in Kaiserswerth, das aus unserem Gespräch bei einer köstlichen Currywurst das Wort „Mülheim“ aufschnappte – und schon mit Erinnerungen an die ehemalige Heimat der beiden dienen konnte, bis alles aufgegessen war, und man sich fröhlich noch einen guten Weg wünschte.

Der junge Mann auf seinem voll bepackten Tourenrad, der uns am Rheinradweg vor  zwischen Wittlaer und Serm entgegenkam, und uns riet, dort nicht weiterzufahren, weil der Weg weiter hinten gesperrt sei – und der sich bei der Frage nach dem Woher und dem Wohin die Zeit nahm, uns zu erzählen, dass aus Hamburg stammt, und nun schon zwei Wochen unterwegs ist: vom Rheinfall in Schaffhausen immer am Rhein entlang,, Richtung Norden. Ganz allein. „Das ist mein persönlicher Jakobsweg…“, sagte er. Er habe einen recht anspruchsvollen Job, und es sei eine tolle Erfahrung, eine Zeitlang nur mit sich allein unterwegs zu sein. Früher habe er noch größere Radtouren allein gemacht und zählte ferne Länder auf. Nun beschränkt er sich auf Flüsse.

Eine wirklich tolle Begegnung, die uns später noch zum weiteren „Nach“-Denken brachte: wann sind wir jemals in unserem Leben eine längere Zeit mit uns ganz allein gewesen? Wie mag das wohl sein?

Und dann noch die beiden Damen, die im Duisburger Wald drei Hunde in sehr unterschiedlichen Größen und undefinierbaren Rassen an der Leine hatten. Die drei Hunde waren wirklich von riesig bis winzig. Als ich den Damen spaßeshalber zurief: „Na, dat sind doch bestimmt keine Geschwister, oder doch?“, lachten beide Frauen – und eine davon antwortete belustigt: „Nee, aber wissen Se wat? Dafür sind dat aber allet Kinder der Liebe!“

Dat is Heimatkunde: nicht nur Landschaft – auch Begegnungen gehören dazu.

War wieder mal schön.
Schön abgefahren.

Bissi Tage!
Lo

Radtour Lo


P.S.: Das Huhn da oben befindet sich in einem alten Rolls-Royce, der seit vielen Jahren als Blickfang auf dem Burghof in Kaiserswerth vor sich hinrostet.
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14 Antworten zu Unterwegs im Pott: abgefahrene Begegnungen.

  1. Allein mit dem Rad unterwegs, so bin ich mit dem (E-) Rad in mein Sabbatjahr gestartet und der Bericht macht mich jetzt ganz wehmütig. Da fand ich sogar die Gegend um Bielefeld schön… Und die netten Begegnungen, die machen so eine Reise dann noch besser. Danke für die „Kinder der Liebe“:)

  2. quersatzein sagt:

    Toll erlebt und aufgezeichnet in Wort und Bild.
    Danke dafür und liebe Grüsse,
    Brigitte

  3. iGing sagt:

    Ach, und das Schiff, das hab ich doch am Tag zuvor noch hier auf dem Rhein gesehen und ihm ein paar Grüße an alle Ufer-Radler mitgegeben …

  4. Herr Ösi sagt:

    The knight of Kaiserswerth has one joice
    a chicken driving his Rolls Royce … 😉

  5. Das ist ja Leben pur, besser wie Kino. Geschichten ohne Ende. Herzliche Grüsse und weiter “ Gute Fahrt“

  6. Anna-Lena sagt:

    Da gehen einem doch alle Herzen auf, oder?

    Eine Begegnung im Rathaus bei uns (erzähle ich dir, weil du mich verstehst):
    Meine Mutter braucht einen neuen Ausweis, alter abgelaufen. Ehrlich, wie sie ist, wies sie auf einen Tippfehler im Ausweis hin, mit der Bitte, ihn beim neuen Ausweis zu korrigieren. Da steht nämlich geboren in Reckling’s’hausen. Jeder Pöttler weiß, dass es nur EIN RECKLINGHAUSEN gibt.
    Nix mit Tippfehler korrigieren, die Chefin wurde geholt und die verlangt nun die Vorlage einer Geburtsurkunde meiner Mutter. Besagter Ausweis wurde vor Jahren im selbigen Brandenburger Rathaus angefertigt, da gab es schon Lesehilfen.

    Selbst mein Ausweis (bin ja auch in Recklinghausen geboren) wurde nicht anerkannt.
    Nun begeben wir uns in der kommenden Woche erneut in besagtes Rathaus, mit Familienstammbuch und wehe … , dann hab ich aber kurz und klein die Zeitung an der Hand.
    Meine Frau Mutter wird demnächst 85 … .

    Will sagen: Ich beneide dich um deine netten Begegnungen …

    • iGing sagt:

      Einen Nachweis erbringen, um einen Tippfehler auszumerzen – da hat der Amtsschimmel mal wieder was zu wiehern!
      Aber nun ja, wäre Lo radelnd auf ein Amt gekommen*, wäre die Begegnung vielleicht auch nicht ganz so nett ausgefallen.

      *[möglicherweise, um Unterstützung für Durchreisende zu beantragen ?!? ;-))) ]

  7. Die Zufallsbegegnungen bei Radtouren geben die Würze. Danke fürs Teilen dieser Impressionen, lieber Lo! Leider wohnen wir so weit voneinander weg.

  8. La-mamma sagt:

    Was für ein schöner Bericht, danke! Bei mir kommen Sie (technisch etwas uneleganter gelöst) übrigens auch endlich zu gaaaaanz vielen Bildern * holzlattewedel*;-)

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