Der stumme Zeuge aus dem Keller. Ein Zufallsfund mit dunkler Geschichte.

Manchmal versteckt sich das Grauen der Geschichte in den banalsten Dingen. Und plötzlich bekommt ein gewöhnlicher, vertrauter Gegenstand durch das Erfahren seiner besonderen Geschichte einen ganz besonderen Wert.

Aber ganz von vorn:
Vor einigen Tagen ging ich in den Keller, um einen alten Aktenordner zu suchen. Ein banaler Alltagsmoment mit Folgen.
Zwischen Koffern und einer Bücherkiste fiel mein Blick auf einen uralten, hölzernen Kleiderbügel, der vor sehr langer Zeit einmal aus dem aufgelösten Haushalt einer Großtante zu uns fand. Wir benutzen ihn über Jahre, ganz normal und gedankenlos. Und irgendwann landete er hier unten zwischen den ausrangierten Büchern und lugte ein wenig aus der Bücherkiste hervor.

Als ich den Bügel aus der Kiste nahm, las ich, vermutlich zum ersten Mal bewusst, die Aufschrift in den noch sehr gut erhaltenen Lettern:
„J. Herrmanns & Co Oberhausen (Rhld.)“.
Einen Namen, den ich unzählige Male übersehen hatte.

Ich kann es nicht erklären, aber irgendwie packte mich die Neugier:
Wer oder was steckte hinter diesem Namen, dem vermutlich längst nicht mehr existierenden Geschäft? Wie alt mag dieser Kleiderbügel wohl sein? Wo mag sich das Geschäft in Oberhausen befunden haben?
Solche hölzernen Kleiderbügel wurden früher von Bekleidungsgeschäften oder Warenhäusern den Kunden mitgegeben, wenn sie dort hochwertige Kleidung kauften.

Meine Recherche führte mich schnell zu einem dunklen Kapitel Oberhausener Stadtgeschichte.
Das Textilgeschäft J. Herrmanns auf der Friedrich-Karl-Straße 24, und das zwei Häuser weiter bestehende Schuhgeschäft Herrmanns wurden einst von den jüdischen Brüdern Julius und Alex Rosenbaum geführt, zwei Geschäfte, die für die gute Qualität ihrer Waren weit über Oberhausens Grenzen bekannt gewesen sein sollen. Weiter las ich, dass in der schrecklichen Pogromnacht im November 1938 beide Läden von den Nationalsozialisten gestürmt, geplündert und in Brand gesetzt wurden.

Werbeanzeige Generalanzeiger vom 18.04.1930

Nun wuchs in mir der Wunsch, mehr darüber zu erfahren. Die Friedrich-Karl-Straße, der Ort, an dem das Bekleidungsgeschäft J. Herrmanns einst florierte, ist gleich bei mir in der Nähe..
Das historische Gebäude mit der Hausnummer 24 existiert nicht mehr; an seiner Stelle steht heute das moderne Gewerkschaftshaus. Auch die Häuser Nummer 26, 28 und 30 (Schuhwaren Herrmanns) sind nicht mehr die von damals.

Und doch ist und bleibt diese Stelle der Ort, an dem in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 den von mir gefundenen Quellen zufolge ein LKW mit SA- und SS-Leuten vorfuhr, die sämtliche Textilien, Schuhe, und alles, was ihnen von plünderbarem Wert erschien, aufluden, und anschließend die Geschäftsräume, als auch das auf der in der Nähe liegende Warenlager an der Marktstraße Nr. 35 in Brand steckten, somit innerhalb weniger Stunden den Brüdern Rosenbaum und ihren Familien ihre finanzielle Existenz nahmen.

Vor dem Haus Nummer 26 finde ich in den Gehweg eingelassene Stolpersteine. Ihre Messingtafeln tragen die Namen derer, die hier einst lebten, arbeiteten und schließlich vertrieben, im schlimmsten Fall ermordet wurden.
Auch vor dem Haus mit der Nummer 30 befinden sich Stolpersteine. Das Internet hilft mir, zu erfahren, dass die dort eingravierten Namen zu Verwandten der Rosenbaums gehörten.

Ein merkwürdiges Gefühl, hier zu stehen: die Friedrich-Karl-Straße ist normal belebt, wie immer.
Ich komme mir vor, als ob ich mich hier gerade ganz alleine auf einer, mir ganz eigenen Zeitreise befinde.
Weil ich mich durch meinen Kellerfund in den letzten Tagen so intensiv mit der Herkunft des Bügels, dem Schicksal der Menschen und den Geschehnissen dieses Ortes beschäftigte, verspüre ich das Bedürfnis, hier für einige Augenblicke innezuhalten.
Obwohl ich mir kein Bild von den Menschen, die hier vor mehr als acht Jahrzehnte lebten und Grausames erlitten, machen kann, rührt mich das – für ich neue – Wissen um die Geschichte dieses Ortes in diesem Moment an.

Meine letzte Station vor wenigen Tagen war die Gedenkhalle am Schloss Oberhausen, die für ihre gute Arbeit bei der Erforschung jüdischen Lebens steht.
Ich stelle mir vor, dass dieser Ort vielleicht der richtige Platz für meinen Kellerfund als kleines Exponat für die Dauerausstellung, sein könnte.
Als stiller Zeuge Oberhausener Lokalgeschichte während der Novemberpogrome 1938.

Quelle: Dauerausstellung -Gedenkhalle Oberhausen

Ohne in der Gedenkhalle gezielt danach gesucht zu haben, entdecke ich in der Ausstellung – passend zu meinen Nachforschungen – ein offizielles Schreiben der Stadt Oberhausen an den Regierungspräsidenten in Düsseldorf, datiert vom 2. Januar 1939 – nur wenige Wochen nach der Pogromnacht.
Bürokratisch kühl bekundete die Stadt darin ihr direktes Interesse am Erwerb genau des jüdischen Grundeigentums von Julius Rosenbaum an der Friedrich-Karl-Straße 24–26.
Die systematische Enteignung schwarz auf weiß.

Wie war das noch?
Ich wollte doch eigentlich nur kurz in den Keller, um einen Aktenordner zu suchen.
Und zurück kam ich mit einem stummen Zeugen furchtbarer Geschehnisse, die sich genau hier, vor meiner Haustür in Oberhausen, ereignet haben, die mich berühren und zur Folge haben werden, dass ich diese besonderen Orte bei mir „um die Ecke“ ab jetzt mit anderen Augen sehe.


Ein einfacher Kleiderbügel nur.
Ein stiller Zeuge, der mit seiner Geschichte daran erinnern soll wie wichtig es ist, wachsam zu sein, damit Ausgrenzung nie wieder Raum gewinnt.

Sein künftiger Platz wird die Gedenkhalle Oberhausen sein.

Lothar Lange

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2 Kommentare zu Der stumme Zeuge aus dem Keller. Ein Zufallsfund mit dunkler Geschichte.

  1. Genau darum geht es heute: die Spuren zu finden und zu erhalten, weil es immer weniger Zeitzeugen gibt. Du machst sehr schön klar, dass es diese Spuren im Alltag gibt und dass es ganz unspektakuläre Funde sein können. Wichtig ist es eben, mit offenen Augen, Neugier und ein wenig Wissen über die Geschichte der eigenen Region in den Keller zu gehen oder auf den Dachboden.

  2. wow. spannend… und berührt mich in besonderer weise, da meine mutter zur kriegszeit in oberhausen aufgewachsen ist. was alte kleiderbügel doch für geschichten erzählen können. toll, dass du nachgeforscht hast! herzlich, diana

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