Bilder aus Kohlenstaub mit Gedichten aus der Tiefe. Ein Buch.

Vor einigen Jahren stand ich in der Mülheimer Wolfsburg , in der es immer wieder wechselnde Ausstellungen zeitgenössischer Kunst zu betrachten gibt, erstmalig vor Bildern, die „mit Kohlenstaub gemalt“ waren. Landschaften, Schatten, Wesen, Stimmungen – von zartem Grau bis Schwarz: beeindruckend.

Irgendwann vergaß ich diese Bilder, bis ich in diesem Jahr auf den Blog der Künstlerin Marlies Blauth stieß, auf dem ich ähnliche Landschaftsbilder aus Kohlenstaub wiederfand und durch gegenseitiges Kommentieren erfuhr, dass es aktuell ein druckfrisches Buch von ihr gibt – mit Kohlenstaub-Bildern, begleitet von zarten wie kraftvollen Gedichten, die die Menschen und Landschaften aus der Zeit des Ruhrgebiets ihrer Kindheit, aber auch Gegenwart und Sehnsucht – ohne zu verklären – zum Inhalt haben. Erinnerungen, wie diese:

Das Büdchen
liegt am Weg
zwischen Zauberwelt und Alltäglichkeit –
Na, Ihr Ströppkes? lacht der Mann
der zwei Flaschen Export kauft
und, ach, noch ´ne Dose Sauerkraut dazu
während wir beraten:
dreißig Pfennige … lieber ein Wassereis
und zwei Nappos
oder eine gemischte Tüte
in der zum Schluss immer
ein Himbeergelee kleben bleibt
mit Papiergeschmack –

Solche Gedichte machen Bilder: Nappo! Klar, das war doch dieser kleine rautenförmige Nougatblock, der zäh an den Zähnen kleben blieb. Ob es den noch gibt? Erinnerungen…

In einem anderen Gedicht finden sich Kaninchenstall, Zinkbadewanne und Wirsing wieder. Und schon bin an Gerüche aus längst vergangener Zeit erinnert.

Und Kohlenstaub? Der Keller meiner Kindheit war schwarz davon, auch die Wohnung, die mit Kohle beheizt wurde. Irgendwo war immer Kohlenstaub. Dass einmal jemand damit stimmungsvolle Bilder malt, darauf wären wir nicht im Traum gekommen, obwohl – mit unseren schwarzen Kinderhänden nach dem Stapeln von Briketts haben wir sicher so manche Wand beschmiert. Unsere Gesichter sowieso. Vielleicht sogar kunstvoll. Hat damals nur niemand als solche erkannt. Und schon denke ich an Bergmannseife…

Marlies Blauth ist mit ihrem Kohlenstaub-Bilder-Gedichte-Buch eine schöne Mischung gelungen: etwas zum Hinschauen, zum Interpretieren, zum Nachdenken, zum Erinnern, zum In-dieHand-nehmen.

ISBN: 3745511026 /EAN: 9783745511024
Gedichte und Zeichnungen. Mit 43 farbigen Abbildungen.
21,1cm x 25,3cm x 1,2cm € 24,50
Athena-Verlag Oberhausen / September 2021 – kartoniert – 100 Seiten

Das Rezensionsexemplar wurde mir von der Autorin Marlies Blauth zur Verfügung gestellt. Vielen Dank dafür. Meine Meinung hat es nicht beeinflusst.

Fotos: Lothar Lange

Marlies Blauth
Künstlerin und Autorin, wurde 1957 in Dortmund geboren, wo sie auch ihre Kindheit und Jugend verbrachte.
Nach ihrem Studium (Kunst und Biologie für das Lehramt, Kommunikationsdesign mit Diplomabschluss) war sie über viele Jahre Lehrbeauftragte an der Universität Wuppertal, bis heute ist sie als Bildende Künstlerin tätig. Seit 1988 zeigt sie ihre Arbeiten in Einzel- und Gemeinschaftsausstellungen, vorwiegend im Raum Nordrhein-Westfalen (Galerien, Museen, Kirchen). Ihr experimentelles Werk ist zwischen Malerei und Grafik angesiedelt; soweit technisch möglich, verbindet sie beinahe alles mit allem (beispielsweise Linoldruck mit Malerei oder Fotografie mit Zeichnung). Mit ihren Kohlenstaub-Bildern hat sie sich von teilweise komplizierten Verfahren eine Zeit lang verabschiedet, indem sie – fast spartanisch- ein so alltägliches wie vergessenes Material künstlerisch einsetzt. Immer wieder arbeitet sie daran, eine neue oder zumindest noch wenig bekannte Ästhetikzu entwickeln.
Seit 2006 veröffentlicht sie gleichzeitig literarische Texte, vor allem Lyrik. Ihre Texte sind in vielen Anthologien zu finden, beispielsweise in bisher zehn Versnetze-Ausgaben. 2015 erschien ihr erster Gedichtband „zarte takte“ (Nord Park Verlag Wuppertal), 2017 ihr zweiter „Dornröschenhaus“ (AthenaVerlag Oberhausen), sowie 2021 „Bilder aus Kohlenstaub“ Gedichte & Zeichnungen (ebenfalls Athena Verlag Oberhausen)
Sie ist Mitglied bei verschiedenen künstlerischen und literarischen Verbänden, so etwa der GEDOK,dem VS und dem LiteraturRaum Dortmund-Ruhr.
Marlies Blauth lebt seit einigen Jahren in Meerbusch bei Düsseldorf.
Blog: www.kunst-marlies-blauth.blogspot.com

Das ist mir wichtig: wenn ich hier hin und wieder ein Buch beschreibe, das mir gefällt, so geschieht dieses stes ohne wirtschaftliches Interesse meinerseits, ohne Beeinflussung meiner Meinung und grundsätzlich ohne Gegenleistung, ausser vielleicht, dass die Freude der Autoren/ der Autorin/nen darüber mein ach so altes Herz erfreut. Alles klar?

Bissi Tage! 🙂
Lo.

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Bücher, Erinnerungen, Kultur, Kunst, Literatur, Ruhrpott, Werbung abgelegt und mit , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

10 Antworten zu Bilder aus Kohlenstaub mit Gedichten aus der Tiefe. Ein Buch.

  1. https://www.nappo.de gibt der Zahnarzt seiner Familie, damita am Wochenende watt zu bohren hat.

  2. Ulli sagt:

    Dieses Buch kommt auf meine Liste. Wegen dem Kohlenstaub, dem Büdchen und dem Nappo. Da wuchern die Erinnerungen.
    Danke für den Tipp.
    Herzliche Grüße
    Ulli

  3. quersatzein sagt:

    Wie schön, dieses gekonnte Miteinander von Kohlestaubzeichnungen und Lyrik.
    Ja, dein Tipp ist goldrichtig, lieber Lo.
    Ich werde vorerst mal in den Versnetze-Ausgaben nach der Autorin suchen.
    Lieben Dank und herzlichen Gruss,
    Brigitte

  4. tinderness sagt:

    Interessante Bilder!

  5. Wie schön, dass Du Marlies hier vorstellst, lieber Lo!
    Ich konnte sie vor wenigen Jahren persönlich kennen lernen.
    Sie ist einfach ein ein wunderbarer Mensch!
    Alles Liebe
    Michael

    • Lo sagt:

      Das freut mich ganz besonders, lieber Michael.
      Du bist ja auch so ein aussgewöhnlich kunst- und handwerklich begabter Mensch.
      😉

  6. Nie wohnte ich am oder im Kohlenrevier. Aber sehr wohl erinnere ich noch die Kohleöfen, das Kippen der Kohle in den Keller, den aufsteigenden Staub, das Holen mit diesen eisernen Eimern, die extra so geformt waren, dass man sie mit dem schaufelförmigen Ende gleich aufnehmen konnte.
    Heute, und rein technisch auch schon veraltet, die Öl – Zentralheizung.
    Nun ja, rein ökobilanzmäßig darf mans nicht laut sagen: aber mal so ein Holzfeuerchen im Garten, ein Grillfeuer… einfach schön.

Schreib mir! :-)