
Tja, dann werde ich wohl schon mal die Gästebetten beziehen…

Tja, dann werde ich wohl schon mal die Gästebetten beziehen…
Schon damals, als ich noch Kind war, und dat sind gefühlte 120 Jahre her, machte man sich schon über die BILD-Zeitung lustig: datt man dieset Blatt niemals schräg halten darf, weil ja sonst dat ganze Blut herausfließt.
Und datt die gar nich BILD-Zeitung, sondern in Wirklichkeit D-BIL heissen müsste.
Oder: „Wat liegt auffe Treppe und is am Lügen?“
Ja, wat wohl?
Genau!
Und wat haben wir uns damals beömmelt über den Spruch:
BILD sprach als erster mit den Frikadellen. |
Ich weiß, dat hat allet einen ganz langen Bart, da lacht heute kein Mensch mehr drüber. Dat is eher traurig, datt Menschen für so´n Blatt immer noch Geld ausgeben. Aber datt dat mit den durch´n Fleischwolf durchgedrehten Kindern dann doch mal Wirklichkeit werden täte, dat hätt ich nich gedacht.
Bis ich neulich anner Rheinpromenade in Düsseldorf dieset Angebot sah:

Wat sollze denn gezz davon halten? – happich mich gefragt. Dat is doch widerlich!
Dat is doch kaum unglaublich! Dat verstößt doch gegen allet, wat verboten is!
Darf et sowat geben?
Frikadellen von Kindern?
Früher hieß et ja noch Hackepeter, heißt dat gezz Hacke-Kevin?
Oder Hacke-Schantall?
Gut, et gab da mal ganz früher mal den berüchtigten Menschenfleisch essenden Serienmörder Fritz Haarmann, aber der hatte ja damals nich so ein Preisschild :

Verdelli! Is denn heute allet erlaubt?
Falls ja: wat is da wirklich drin in so´ner Kinderfrikadelle? Reinet Fleisch?
Oder sind da Reste von Pampers und Schaukelpferd mit druntergemischt?
Heute kannze doch keinem mehr trauen.
Kinderfrikadellen! Tsss…
Müssten sofort verboten werden.
Und die D-BIL-Zeitung gleich dazu.
Bissi Tage!

Schwer ist die Last
die er mühsam hinter sich herzieht.
Der Schweiss rinnt ihm über die Stirn
und durchnässt sein Hemd.
Sein Blut pulsiert, lässt seine Adern schwillen.
Schwer ist die Last.
Jeder Schritt fällt ihm schwer.
Und der Blick scheint verschleiert.
Schwindel. Taumeln.
Unwirklich, die Welt.
Als ob der Boden unter ihm schwankt.
Schwer ist die Last.
Immer noch.
Und es ist warm.
Ihn dürstet.
Und sein Weg ist noch lange nicht zuende.
Ein müder prüfender Blick nach hinten
zeigt ihm, dass nichts von seiner Fracht verloren ist.
Es wäre auch zu schade
um das Bier in seinem Vatertags-Bollerwagen.

Nanu? Was will uns diese Gestalt zeigen? Hat sie etwas entdeckt?
Das textile Wesen haust in meinem Kleiderschrank.
Die anderen beiden sind am Stenzelberg im Siebengebirge zu finden.
Und manchmal entpuppt sich der Zauber als etwas ganz Gewöhnliches:

Ist es nicht herrlich, wie uns unsere Sinne oftmals einen harmlosen Streich spielen?
Das Wichtigste beim Schauen ist das Sehen.
„Und dann sprang dat Pferd
mit dat linke Bein
über den Hühnerstall sein Dach!“
So klingt es, wenn man unser herzhaftes Ruhrdeutsch übertrieben imitiert.
Wenn aber ein hiesiges Verkehrsunternehmen Werbung für seine Fahrplan-App in die Zeitung setzt, wie sie unten zu sehen ist, bleibt zu vermuten, dass man sich entweder ganz bewusst überzeichnet der lokalen Sprachweise bediente – oder einfach niemand darüber nachgedacht hat:

Eine weitere Kostprobe „von ährlichet“ Ruhrdeutsch?
„Weisse, watte bisst? Lügen tuusste! Dat bisse!!!“
Komm, geh´ mi doch wech!
Bissi Tage! 😉
Seit Herbst 2016 wurden im Rahmen von Veranstaltungen an den Mercator Bücherschränken Texte aus zehn Ruhrgebietsstädten gesammelt, die nun in einem Buch veröffentlicht wurden.
Gestern war es dann soweit: in der Heldenbar des Essener Grillo-Theaters lasen (nach einer Ansprache durch Christine Bargstedt von der Projektschneiderei) der Sänger und Liedermacher Tom Liwa und die Entertainerin/Kabarettistin/Komikerin „Fräulein Nina“ (Nina Mühlmann) mit Spaß und sehr gekonnt Auszüge daraus und feierten mit den beteiligten AutorInnen den Projekt-Abschluss.


Ich freue mich, und ich bin auch ´n bissken stolz, dass auch ein Text von mir darin aufgenommen und dieser gleich zu Beginn der Veranstaltung verlesen wurde.
Er handelt vom Verfall einer uralten, einst und auch heute noch sehr bekannten Kneipe in Gelsenkirchen-Buer gegenüber des Rathauses, die aufgrund ihres kleinen runden Gebäudes und einem Zipfeldach „KÄSEGLOCKE“ genannt wurde und wirklich Geschichte(n) geschrieben hat. Der Bau verfällt zusehends und viele Versuche, dieses wahrhaftige Buersche Kneipendenkmal zu retten, sind leider gescheitert.

Wenn ich in Buer am Rathaus hocke,
was seh´ ich da? Die Käseglocke.
Dort, wo einmal die Bierchen flossen,
ist alles dicht und abgeschlossen.
Die Fenster blind, die Tür verrammelt,
der ganze Bau total vergammelt.
Dein altes rundes Zipfeldach
ist auch schon weg – nun ist es flach.
Dein Anblick macht mich richtig bitter,
denn einst floss mancher Hektoliter
durch Tausende von Buerschen Kehlen.
Ach Käseglocke, Du wirst fehlen…
Ob reicher Kerl, ob arme Socke,
man traf sich in der Käseglocke.
Wie viel Romanzen hier entstanden,
wenn Zwei sich an der Theke fanden,
für eine Nacht, oder für immer.
Manch Zecher, manches Frauenzimmer
hat hier bei Dir nach vielen Runden
sein Geld verlor´n – vielleicht Glück gefunden?
Auch aus dem Rathaus gegenüber
saß mancher hier und war hinüber.
Hier spülten auch Beamtenseelen
den Aktenstaub aus ihren Kehlen.
So mancher biergefüllter Bauch
entleerte diesen bei Dir auch,
wenn es zu viel der Biere waren
oder vom Korn, dem guten Klaren.
Rauchgeschwängert, Deine Wände,
füllten sie sicher dicke Bände
mit Liebes-, Freud-, und Leidgeschichten,
so viele könnt´ kein Dichter dichten!
Vom Prahlhans, der hier mächtig prahlte,
und dann den Deckel nicht bezahlte,
und von der Schalker Fußballbraut,
die draußen ihren Kerl verhaut.
Und wie oft hat so mancher Gast
am Schluss die Linie 1 verpasst,
die um die Käseglocke rollte
und ihn nach Hause bringen sollte?
Ach, Käseglocke, altes Haus,
wirklich erbärmlich siehst Du aus,
wie etwas, was man nicht mehr braucht,
Dein Leben scheint nun ausgehaucht,
Dein Schicksal kennen die Gestirne.
Ganz sicher wird´s die Abrissbirne.
Arme Socke, Käseglocke!
Lothar Lange
Ab Mai ist das Buch in den Bücherschränken verfügbar. „Bücherschrank-Geschichten“ wird gefördert durch die Stiftung Mercator und realisiert durch das Netzwerk Mercator Bücherschränke in Zusammenarbeit mit lokalen Partnern, u.a. dem Schauspiel Essen.
Dat Leben is ungerecht.
Neulich im Essener Aalto-Theater:
architektonisch ein Traum – auch dat Programm-Angebot.
Ballett, Oper, allet, wat das Härz begehrt.
Neulich wieder.
Erster Balkon, zweite Reihe.
Erste Reihe wär auch noch frei gewesen,
aber der Unterschied im Preis war schon happich.
Also zweite Reihe.
Mehrere Monate der Vorfreude verrauschen – und der Abend is da.
Baden, Fußnägel schneiden und frische Unterwäsche an, falls man unterwegs ungeplant in´t Krankenhaus kommt – Schickmachen, und dann ab mitte Limousine nach Essen.
Gläsken Sekt im Forjeh und den Balkon aufsuchen.
Schöne Plätze mit Blick direkt auffe Bühne.
Im Orchestergraben Übungsgedudel, kann gleich losgehen.
Kurz, bevor dat Licht schummerich wird, kommt ein Pärchen.
Sie klein, er erstmal auch.
Dann setzt der Kerl sich vor mich…….. und….?
Ja, wat is datt denn?
Der scheint zu stehen!
Der wird nich kleiner!
Ich seh nix!
Hömma!
Hallo?
Der sitzt!
Und vor mir is allet dunkel!
ALARM!
Dat is ein SITZRIESE!
Der verdeckt mit seinen Schultern die ganze Bühne.
Und dann der Kopp: mal nach rechts, dann mal nach links.
Um wat zu sehen, mache ich genau dat Gegenteil: er nach rechts – ich nach links.
Wat zur Folge hat, dat mein Hintermann dat Gegenteil von dem macht, wat ich mache.
Und dem sein Hintermann wiederum – und so weiter.
Dat heißt: der Sitzriese löst, ohne datter dat weiss,
mit jeder seiner Bewegungen hinter sich eine La-Ola-Welle aus!
Der ganze Balkon is am Bewegen!
Boah, ich hasse Sitzriesen im Theater oder im Kino.
Die müssten vorher anne Ticketkasse vermessen werden.
Und nur auffe hinterletzte Plätze dürfen.
Oder et müssten Sondervorstellung geben: nur für Sitzriesen.
Die sitzen sich dann ja nich gegenseitig im Weg.
Vonne Vorstellung happich nur die Hälfte mitgekricht.
Aber einen Trost happich – und dat is auch gerecht:
in sonnem Steh-Imbiss, da hat son Sitzriese dann aber die Arschkarte.
Da kannet schomma passieren, dat so ein Sitzriese verhungert,
weiler für´n Stehtisch zu kurze Beine hat
und deswegen auch nich an seine Pommes kommt.
Von mir aus….
Bissi Tage!


Heute war es wieder soweit: Eier wurden gekocht und in bunte Farben getaucht.
Als ich diese Eier in den Farbgläsern so vor mir sah, hatte ich plötzlich ein Bild aus längst vergangener Zeit vor mir:
Die 60er Jahre. Ich sah den alten, verrauchten Gasthof namens „Erler Hof“ in unserem Nachbarhaus auf der Cranger Strasse in Gelsenkirchen-Erle , den man durch eine hölzerne Schwingtüre betrat, hinter der sich zusätzlich noch ein richtig schwerer, grüner filziger Vorhang befand, der als Wind-, oder Rauchfänger diente, und der an die Seite geschoben werden musste, bevor der von dichtem Qualm vernebelte Blick dann frei war auf die große Theke, die von Männern, überwiegend Bergleute der nahen Zeche Graf Bismarck, mit Zigaretten in den Mündern und Biergläsern in der Hand umstanden war, meist noch ein Pinneken mit Doppelkorn auf dem Tresen vor sich, und in laute Gepräche vertieft.

Der äußere linke Teil der Theke besaß ein gläsernes, beleuchtetes Kühlfach, in dem Frikadellen und Mettbrötchen oder auch Gewürzgurken präsentiert wurden.
Doch oben auf der Theke, dort stand ein riesengroßes Glas, gefüllt mit gekochten Eiern – noch in der Schale – in einer Salzlake schwebend: SOLEIER.
Durch den hohen Salzgehalt der Lake schwammen die Eier im Glas. Sie brauchten auch keine Kühlung.
Bier und Schnaps machten hungrig auf Herzhaftes.
Also bestellte der Gast sich ein Solei, pellte und halbierte es, nahm den gelben Dotter heraus, gab in diese freigewordene Kuhle Öl, Essig, Pfeffer und etwas Salz, legte den Dotter wieder ins Ei zurück, gab darauf noch ein wenig Senf und verzehrte diesen Leckerbissen mit Genuss.
Und nun frage ich mich, ob heute überhaupt noch irgendwo Soleier in Gaststätten angeboten werden.
Gesehen habe ich sie schon lange nicht mehr.
Aber: Appetit auf so ein leckeres Solei – den habe ich jetzt beim Erinnern bekommen.
Schöne Eiertage!

Wat kann man dagegen tun?
Einfach nich allet glauben, wat inne Fernsehzeitung steht und sich nur auf den Programmteil beschränken.
Der Beschiss fängt doch schon mittem Name an:
HÖR ZU.
Für ´ne Fernsehzeitung!
Allet klar?
Bissi Tage!