„Buchhandlungen sterben leise…“ Die wunderbaren Wärmestuben für den Geist werden immer weniger.

Ich gestehe, ich habe einen Tick.
Und: „nein Danke!“ – ich wünsche keine Hilfe, keine Tipps, wie ich ihn wieder loswerden könnte, denn ich mag meine Macke: schon seit meiner Kindheit liebe ich es, in Schreibwaren- und Buchläden zu stöbern.
Meine „ersten Male“ waren die Buchhandlung Franz Weber und das Schreibwarengeschäft Lechtenberg in Gelsenkirchen-Erle. In beiden Geschäften versorgte ich mich schon als Kind mit alledem, was ich für die Schule oder zum Schmökern brauchte.
Das erste „richtige“ Buch, dass ich mir als sieben-jähriger Knirps ganz alleine bei Franz Weber aussuchen durfte, handelte von einer Familie, die mit ihrem Volkswagen in Urlaub fuhr. Ich hütete es wie einen Schatz.
Später kamen auch viele andere Bücher hinzu, und es war immer so schön still in der Buchhandlung. Dazu der heimelige Duft von bedrucktem Papier und Tinte. Eine Atmosphäre, die ich schon als Kind als behaglich empfand, obwohl ich diesen Ausdruck damals bestimmt noch nicht kannte.
Diese beiden Läden meiner Kindheit gibt es schon sehr lange nicht mehr, und es ist so traurig, dass immer mehr dieser kleinen Buchhandlungen ihre Türen für immer schließen. Weil sie es müssen.

Geruch ist ja ein besonders starker Erinnerungsträger, und es gibt ihn ja noch, diesen wunderbaren Bücherladenduft.
Doch ich fürchte, die Möglichkeiten, ihn weiterhin zu genießen, werden immer seltener.
Die persönliche, maßgeschneiderte Beratung, das Austauschen über Lesevorlieben, beinahe wie ein Gespräch mit einem Freund oder einer Freundin. Und nicht zu vergessen die Veranstaltungen: Lesungen mit Autoren, signierte Exemplare, Gespräche hinterher, in denen man über das Gelesene ins Gespräch kommt.

Wie seelenlos dagegen ist doch die Abwicklung beim Onlinehandel: Suchen, bestellen, bezahlen, warten. Kein persönlicher Austausch , kein Duft, kein nettes Gespräch über einen Lieblingsautor.
Der Preis für diese Bequemlichkeit ist hoch, denn wenn unsere kleinen Buchläden vor Ort schließen, gehen uns geliebte Treffpunkte für Lesefreude, Inspiration und Nachbarschaft für immer verloren.
Der Onlinehandel, der aktuell sogar viele Tausend Menschen entlassen will, kennt keinen Bücherladenduft, keine Atmosphäre oder nachbarschaftliche Begegnungen.

Nur, wenn wir unsere Bücher vor Ort kaufen, besteht die Chance, uns diese wunderbaren „Wärmestuben für den Geist“ in denen Stille, Duft und Austausch weiterexistieren, zu erhalten.

Als vor einiger Zeit ein traditionsreiches Gelsenkirchener Buchgeschäft Kunden, Autoren und Freunde einlud, um mit ihnen gemeinsam den letzten Tag dieses mehr als achtzig Jahre existierenden Ladens zu begehen, hatte ich die Idee, ganz viele dieser kleinen Mini-Glasfläschchen, die man mit einem Korken verschließen kann, mitzubringen, damit jeder dort noch einmal diesen wunderbaren Duft für sich einfangen kann. Denn dieser Duft wird immer seltener, wenn wir nichts dagegen tun.

Und: was mache ich dann mit meinem Tick?
An der Tastatur zu schnüffeln, ist bestimmt kein Ersatz, oder?

Bis die Tage!


Hinweis: das Bild des „eingemachten Buchladens“ ist KI-erzeugt.
Lothar Lange
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11 Kommentare zu „Buchhandlungen sterben leise…“ Die wunderbaren Wärmestuben für den Geist werden immer weniger.

  1. Patrick sagt:

    Ja, leider ist diese Entwicklung auch bei uns in Ahlen zu beobachten. Wir hatten einen kleinen Buchladen, der wegen der Konkurrenz aus dem Netz schließen musste. Jetzt haben wir noch eine Thalia Filiale, in der das Persönliche auch nicht mehr so ist, wie es in dem kleinen Buchladen war. Bücher lesen ist ja mehr als nur das Konsumieren von Inhalt. Was ist die Alternative? Vielleicht kann ich versuchen, in unserer Stadt einen Buchklub zu gründen, das ist zwar nicht das gleiche, aber es kann dort einen Austausch mit anderen Bücherfreunden geben. Aber unterm Strich ist das Ladensterben keine gute Entwicklung weil damit ein Stück Kultur stirbt. Na ja, mal sehen wie es weitergeht.

    • Die Dödel verweigern sich aber gerne, die alternde Gesellschaft zu sehen. Hab Halswirbel, von Arbeit, latsche also seit 30 Jahren nicht mehr rein, um schräg die Buchrückentitel zu lesen. Keiner will es ändern. Oder gibbet Monitore zum Aussuchen?

  2. Pass up, ASSO Verlach, Oberhausen, kennste. „Wiege der Ruhrindustrie“, stand dran, beim schrägen O. Und da knallt diese Klitsche in’n Buch wat rein über FlöTze. Frag ich die sinngemäß, ob die bekloppt sind. Und die so: ….. nix. Jau, können ruhich laut krepieren, solche Klitschen.
    Bei nen Verlag aus PLZ mit 3 startend, der in so’n OB- Buch fälschlich aus der Bundesligaaufstiegszeit den heute erfolgreichen SC Freiburg nannte, damals aber der FC Freiburg aktiv war, wurde mein Hinweis DANKEND für eine ewendölle folgende Auflage notiert.

  3. Quersatzein sagt:

    Danke für dieses wunderbare Plädoyer!
    Ich werde es mir wieder mehr zu Herzen nehmen.
    Einen lieben Sonntagsgruss, Brigitte

  4. Martin sagt:

    Ich muss immer in so Schreibwarenläden rein. Also so richtige. Hab nen kleinen Füllertick. Und Notizbuchtick auch. Aber stimmt schon mit dem Geruch. Wir mögen das auch und schnüffeln uns dann da so durch.
    Hab als Köttel mein Zeugs für die Schule beim Klose auf der Kirchstraße geholt. Haben ja in der Klosterstraße gewohnt. Den gibt’s aber bestimmt auch nicht mehr.
    Gescheite Buchläden gibt es hier nicht wo ich in Wohnhaft bin. Außer in Langenberg. Da gibt’s was Nettes. Da kannste fein stöbern.

  5. eimaeckel sagt:

    Bei uns hat sogar ein neuer Buchladen aufgemacht. Ist aber eher ein Buchcafe. Ein paar Regale Bücher und eine große Espresso-Maschine. Mit der Ruhe ist es da vorbei. Aber ein Gespräch über Bücher kann man da finden.

  6. Heinrich sagt:

    Lieber Lo,
    ich kommentiere kaum noch Blogbeiträge, weil ich kreative und freundliche Blogs nicht mit meinen pessimistischen bis destruktiven Gedanken stören will. Und weil ich keine brauchbare Idee beisteuern kann, etwas wirklich zu verbessern.

    [ZITAT] Denn dieser Duft wird immer seltener, wenn wir nichts dagegen tun.

    Diesen Satz lese ich an vielen, vielen Stellen im Internet, höre ihn von vielen Menschen. „Wenn wir nichts dagegen tun“.
    Aber die wenigen Menschen, die wirklich etwas tun, gehen immer wieder in der „Masse“ unter. Und egal, ob 10 oder 30% ihren Müll sauber trennen oder vermeiden, oder ihre Bücher im Laden kaufen, solange es nicht die Mehrheit praktiziert, ändert es nichts. Da haben Bequemlichkeit und Egoismus immer Vorang.
    Die „Masse“ – also die Menschheit hat noch nie aus Fehlern gelernt. So können immer wieder einzelne „mächtige“ Menschen ihre Macht missbrauchen und ausbauen, und das leise oder laute Sterben unserer alten Werte wird stetig fortgesetzt. Die Buchläden werden wie Tante Emma verschwinden – früher oder später. Das ist mit dieser Gattung Lebewesen – dem Menschen – einfach nicht aufzuhalten!
    Die positiven technischen oder medizinischen Fortschritte stehen auch nicht jedem Menschen zur Verfügung, und können die Missstände auf diesem Planeten nicht ausgleichen.

    Aber was Bücher angeht, vielleicht sehe ich tatsächlich alles zu negativ?
    Früher mussten Bücher mühsam in Stein gemeißelt werden. Dann wurde Papier und Buchdruck erfunden, und nun setzt sich ein Buch eben aus digitalen Nullen und Einsen zusammen. Nun müssen wir nur noch aufpassen, dass menschliche Autoren überhaupt noch ein Motiv haben, Bücher zu schreiben, und nicht vollständig durch KIs ersetzt werden. (….wenn wir nichts dagen tun… 😉

    Gruß Heinrich

  7. Herr Ösi sagt:

    Lieber Lo,
    es sind nicht nur Wärmestuben für den Geist, auch für den Körper, bisschen sitzen, schmökern, aufs Klo gehen (weil dringlich) und und und 😉

  8. Ulrike Sokul sagt:

    Vielen DANK, lieber Lo, für Deine liebevolle Wertschätzung von Buchhandlungen und Schreibwarenläden und die schöne Formulierung „Wärmestuben für den Geist“.
    Als ehemalige Buchhändlerin freue ich mich über jeden, der solche inhabergeführten Geschäfte unterstützt.
    Ich habe eine nostalgische Rückblende in meine buchhändlerische Ausbildungszeit geschrieben. Unter dem nachfolgenden Link kannst Du da gerne einmal nachlesen: https://leselebenszeichen.wordpress.com/bemerkungen-zum-buchhandel/

    Nachtaktive Grüße von
    Ulrike

  9. Mona Lisa sagt:

    Ja, sie werden immer weniger, aber zum Glück gibt es sie in Recklinghausen noch immer die „Wärmstuben des Geistes“. Ich brauche und frequentiere sie regelmäßig.
    LG

  10. holger sagt:

    Stimmt schon, überall was zu Futtern, die gleichen Ketten, meist auch die gleiche Ödnis überall: aber Buchhandlungen sucht man vergebens. Was dann noch an Buchhandlungen übrig ist: Ketten und immer mehr vollgestellt mit Kalendern, Merch und farblich sortierten Büchern. Nur fragen kann man da auch kaum mehr wen.

Schreib mir! :-)