„Kommen Sie zurecht?“

„Ganz schön schubbich isset!“

Oder „usseslig„, wie man im Ruhrgebiet zu sagen pflegt, wenn eisigkalter Wind mit Nieselregen gepaart die Menschen lieber ins Warme flüchten lässt, als dass sie durch die vorweihnachtlich lichterstrahlende City flanieren und windowshopping betreiben, wie es heute auf neudeutsch heißt.

Trotz des ungemütlichen Usselwetters brummt es aber in der Fußgängerzone. Vor den Weihnachtsmarkt- und Bratwurstbuden – und besonders um die Glühweinstände herum – scharen sich fröhliche, manchmal schon leicht angeglühte Menschen, ihre heißen Tassen mit beiden Händen umfassend, um sich auch äußerlich ein wenig daran zu erwärmen.

Mir ist kalt. Ich schaue mir das bunte Treiben an und erinnere mich plötzlich an Bilder aus meiner Kindheit, um wieviel schlichter doch die Geschäfte früher zur Weihnachtszeit geschmückt und beleuchtet waren: meist mit Tannengirlanden und vielen Glühbirnen daran. Die Spielzeugläden hatten als Attraktion eine elektrische Eisenbahn im Schaufenster, die dort stundenlang ihre Runden drehte und für Spuren von plattgedrückten Kindernasen auf den Schaufensterscheiben sorgte.

Ein wenig sentimental gehe ich weiter, der Wind ist ungemütlich, ich schlage meinen Mantelkragen hoch und betrete wenig später das strahlend hell erleuchtete Bekleidungshaus. Licht lockt Leute!, so sagt man. Und warm ist es dort.
Gleich im parterre – die Herrenabteilung. Ein Tick von mir: Hemden.
Wenn mir eines spontan gefällt, nehme ich es mit. Bezahlt natürlich.
Die Wärme des Hauses genießend schaue ich mir Hemden an, fühle den Stoff, schaue auf den Preis, suche weiter.

Plötzlich erscheint neben mir eine junge Frau, wie aus dem Nichts, schaut mich sehr freundlich an und fragt:

„Kommen Sie zurecht?“

Ein Glücksgefühl überkommt mich. Überraschend.
Ein Mensch interessiert sich für mich,
für mein Leben, möchte wissen, ob ich zurecht komme.
Ich bin sprachlos und spüre einen leisen Hauch von Gerührtheit:
es gibt also doch noch Menschlichkeit, ehrliches Interesse am Mitmenschen, Empathie, Anteilnahme.
Mag sie mich? Wirke ich vielleicht interessant auf sie?

„Kommen Sie zurecht?“

Diese Frage, ich habe sie noch im Ohr und weiss gar nicht, was ich diesem wunderbaren Menschen entgegnen soll. Komme ich wirklich zurecht?
Soll ich ihr sagen, dass ich eigentlich recht zufrieden mit meinem Leben bin?
Dankbar darüber, mein Leben lang gesund geblieben zu sein?
Und dafür, dass meine Familie gesund ist? Dass ich aber manchmal auch meine kleinen Sorgen und Nöte habe?
Na ja, dass es hier und auch schon mal Wünsche gibt, dass ich mir manchmal mehr Zeit wünschte für die Dinge, die ich immer schon einmal machen wollte? Dass ich so gern einmal ein ganzes Jahr am Meer leben würde, und schreiben, malen und alles das tun, wonach mir gerade ist? Vielleicht alte Freunde treffen. Den Kopf in den Wolken haben…
Ja, doch: ich komme zurecht.

Ich schaue die junge Dame freundlich voller Dankbarkeit über ihr Interesse an mir an – und bevor ich ihr antworten kann, sagt sie lächlend:

„Wir haben diese Hemden auch in „Regular fit“, falls Sie mit „Slim fit“ nicht zurecht kommen sollten!“

Peng!
Wusst´ ich´s doch: die Welt ist schlecht.
Und dat vor Weihnachten!

Bissi Tage!

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9 Kommentare zu „Kommen Sie zurecht?“

  1. maribey sagt:

    Und lustig ist sie auch : )

  2. Hi Lo!
    Einen very nice comment haben Sie da gepostet. Da hat man bei diesem cold Wetter auch was zu laughen.
    Ich wünsche Ihnen ein regular fitting Wochenende! 🙂
    Herzliche Grüße von der Alm
    Mallybeau

    • Lo sagt:

      Yes. Thank you so Matsch!
      Winterzeit ist aber auch cool.
      Do you remeber, how hot it is was in the summerzeit, when your Hemd was allways klätschnäss and nobody had Lust auf Glühwein?
      Coole greetings to your Alm!

  3. Ruhrköpfe sagt:

    Hallo lieber Lo, hihi, slim fit. Hast du mal gesehen, wem die passen? Dann bist du nicht mehr gekränkt 😉 LG und einen angenehmen 4. Advent, Annette

  4. Herr Ösi sagt:

    Ja, grundsätzlich keine leichte Frage, die sich einfach so aus dem Stegreif beantworten lässt.
    Ich würde mir vorher vom Personal die 10 Seiten Nutzungsbedingungen unterschreiben lassen, so wie ich es immer mache, bevor ich auf sensible Fragen antworte …

Nun Du!