Männerlast.

Männerlast.

Lo Hand

Schwer ist die Last
die er mühsam hinter sich herzieht.
Der Schweiss rinnt ihm über die Stirn
und durchnässt sein Hemd.
Sein Blut pulsiert, lässt seine Adern schwillen.

Schwer ist die Last.
Jeder Schritt fällt ihm schwer.
Und der Blick scheint verschleiert.
Schwindel. Taumeln.
Unwirklich, die Welt.
Als ob der Boden unter ihm schwankt.

Schwer ist die Last.
Immer noch.
Und es ist warm.
Ihn dürstet.
Und sein Weg ist noch lange nicht zuende.
Ein müder prüfender Blick nach hinten
zeigt ihm, dass nichts von seiner Fracht verloren ist.
Es wäre auch zu schade
um das Bier in seinem Vatertags-Bollerwagen.


Lo Lange


Dieses ist ein recycelter Beitrag aus dem Vorjahr
und der Aktualität wegen (sehr hoher Feiertag für echte Männer)
noch einmal hervorgeholt worden.
Veröffentlicht unter Allgemein, Gedichtet, Momente | Verschlagwortet mit , | 3 Kommentare

Guck mal! Anthropomorphismus (Teil 3)

header anthropomorphismus

Nanu? Was will uns diese Gestalt zeigen? Hat sie etwas entdeckt?

Das textile Wesen haust in meinem Kleiderschrank.
Die anderen beiden sind am Stenzelberg im Siebengebirge zu finden.


Und manchmal entpuppt sich der Zauber als etwas ganz Gewöhnliches:

20170404_095715

 

 Ist es nicht herrlich, wie uns unsere Sinne oftmals einen harmlosen Streich spielen?

Das Wichtigste beim Schauen ist das Sehen.


Guck mal. Teil 1

Guck mal. Teil 2

Veröffentlicht unter Watt et nich allet gibt! | Verschlagwortet mit | 18 Kommentare

„Und dann sprang dat Pferd…“

„Und dann sprang dat Pferd
mit dat linke Bein
über den Hühnerstall sein Dach!“

So klingt es, wenn man unser herzhaftes Ruhrdeutsch übertrieben imitiert.

Wenn aber ein hiesiges Verkehrsunternehmen Werbung für seine Fahrplan-App in die Zeitung setzt, wie sie unten zu sehen ist, bleibt zu vermuten, dass man sich entweder ganz bewusst überzeichnet der lokalen Sprachweise bediente –  oder einfach niemand darüber nachgedacht hat:

Kohlensptt Ruhrdeutsch

Eine weitere Kostprobe „von ährlichet“ Ruhrdeutsch?

„Weisse, watte bisst? Lügen tuusste! Dat bisse!!!“

Komm, geh´ mi doch wech!

Bissi Tage! 😉

Veröffentlicht unter Allgemein, Ruhrdeutsch, Ruhrpott, Watt et nich allet gibt!, Werbung | Verschlagwortet mit | 15 Kommentare

Buxen-Pimpen. Teure Löcher inne Buxe.

Mal ährlich: wat is die Welt doch bekloppt geworden!
Geh ma inne City und kumma inne Schaufenster: da hängen Buxen inne Auslage, die sind sowat von kaputt, da denkste, die sind beim Russlandfeldzuch im Schlamm untern Panzer gekommen.
Und für so´nnen textilen Trümmerhaufen nehmense Preise, datte ´n Kredit für aufnehmen muss.
Weil: et sind ja „Designer-Buxen“.
Dat nennt man dann Used-Look. Oder auch „gepimpt“.
Je kaputter, umso teurer.

Da gibtet Leute (nennt man die „Pimper“?), die werden dafür bezahlt, datt se nagelneue Buxen extra kaputt machen, damit se dann so aussehen, als ob se schon gebraucht sind.
Die Buxen, nich die Leute.

Gut, gezz isset ja so, datt heute keiner mehr so wat richtich Wildet erlebt.
Da muss die Buxe dann eben erzählen, wat ihr Träger doch für´n wilden Feger is.
Weil: so richtich „born to be wild“?
Dat war gestern, als die Maloche noch hart, dat Geld knapp und der Kauf von sonne Hose noch ´ne Entscheidung für´t Leben war.

Früher? Hömma!
Da hätt ich mich doch nich mit nem Loch inne Buxe auffe Straße getraut.
Und wennet noch ne „gute Buxe“ war – oder am schlimmsten noch, wenn et die Sonntachsbuxe gewesen wär, auch nich nach Hause!
Da mussteste drauf aufpassen wie´n Lux, datta nix dran kam.
Da wär zu Hause aber sowatt von Strom inne Tapete gewesen, und die Fott hätte dann aber richtich Kirmes gehabt!
Dat gute Stück!
Die Hose, nich die Fott.

Gezz aber ma im Ernst:
übertrag dat doch ma auf ein Auto, wat ganz nagelneu vom Band kommt.
Und am Ende vom Band stehen so´n paar kräftige Kerle, die kloppen mittem dicken Voschlachhammer und mit Eisenketten so lange auf dat Auto rum, bisset den Used-Look drauf hat.
Für so´ne kaputte Karre würde doch kein Mensch noch extra wat draufzahlen, weil et dann ja ein Designer-Modell wär.
Obwohl: dat wär überhaupt noch ´ne Marktlücke für Gebrauchtwagenhändler.
Datt da noch keiner drauf gekommen is!?

Gut, gezz will ich mich ja auch nich so ganz gegen dat Neue verschließen.
Man muss ja mitte Zeit gehen.
Ich hab mir gedacht, ich probier dat auch mal, und mach mir aus meine alte Texashose (ja, so hießen die Jeans früher mal!) mein eigenet Designer-Modell.
Ich fang mal mit ein paar kleine Löcherkes an.
Man musset beim Pimpen ja nich übertreiben…

Und im Billich-Schopp hab ich auch schon dat passende Werkzeuch gefunden:


So,  und gezz geht et meiner Buxe anne Wäsche!
Wär doch gelacht 😉

Bissi Tage!

Veröffentlicht unter Lächeln, Ruhrdeutsch, Ruhrpott, Watt et nich allet gibt! | Verschlagwortet mit , , , , , | 13 Kommentare

Kirmes im Pott. Damals.

„Hasse schon gehört? Auffem Markt sind se am Kirmes aufbauen!“ 

Da gab es kein Halten mehr: da mussten wir hin! Kirmes. Was den Zauber und die Anziehungkraft von Kirmes auf uns Knirpse aus Gelsenkirchen-Erle ausmachte, traf sicher auch auf alle Kinder der Welt zu.

Kirmes. Das bedeutete: erst einmal gucken, „wat da aufgebaut wird, wat da hinkommt.“
Danach dann die Überlegung: „Wie kommsse gezz an Geld für die Kirmes?“

So dicke hatte es keiner von zu Hause aus. Man lebte entweder „vonne Zeche Graf Bismark“ oder, so wie ich zu Hause, „vonne Fürsorge“.

Leere Bierflaschen suchen,  war eine Möglichkeit. Für eine leere Pulle gab es 20 Pfennige Flaschenpfand. Fünf Pullen also eine Mark – dafür konnte man dann drei Mal mit dem „Selbstfahrer“ (AutoScooter) fahren. Oder mit der rasanten Fellerhoff-Raupe, die aber „mehr wat für die Großen war, die mit ihren „Schicksen“ nur darauf warteten, datt sich zum Ende der Fahrt dat Verdeck schloss…“


Kirmes. Damals. Aus der Sicht der kleinen Knirpse:

Kirmes Raupe Lo

Kumma! Kirmes!

Boah! – Kumma!
Auf´m Erler Markt is Kirmes.
Ham´se bis gestern aufgebaut.
Mit Selbstfahrer-Autos. Hömma! Die kannze selber lenken.
Weisse watt?
Ich tausch Bierpullen um,
dann kann ich n´paarmal damit fahrn.

Kumma!
Dat Schild da:
„Junger Mann zum Mitreisen gesucht.“
Boh, überleech ma:
da kannze jeden Tach umsonz fahren.
Weisse watt?
Die Großen ham´et gut.

Kumma!
Dat Pony-Karussell.
Stinkt nach Sägemehl und Pferdekacke.
Immer inne Runde bei dem lauten Kirmesgedöns.
Weisse watt?
Die Klepper werden doch rammdösig.
Is auch mehr watt für kleine Blagen.

Kumma!
Der Besoffene da!
der schmeißt´n Tacken innen Boxautomat.
Gezz kloppter auf dat Leder.
Wat sacht der Zeiger? FLIEGENGEWICHT.
Weisse watt?
Der hat doch nix inne Mauken!

Kumma!
Die Fellerhoff-Raupe!
Hat die ´n Zacken drauf.
Hömma: dat is Rock´n Roll.
Weisse watt?
Wenn dat Verdeck zugeht,
knutschen die Großen immer mit ihre Weiber.

Kumma!
Ich schleich mal unter die Raupe.
Vielleicht hat einer watt Geld verlorn
von oben durche Holz-Ritze.
Weisse watt?
Wenne auch nix findest,
kannze dafür die Schicksen untern Rock gucken.

Kumma!
Meine große Schwester!
Mitten Lebkuchenherz.
„Für immer Dein“
Weisse watt?
Dat hat die vonnem Itacker.
Den kennt´se vonne Eisdiele.

Kumma!
Die Schießbude!
Dat soll ja allet Beschiß sein.
Die haben die Knarren extra krumm gemacht,
damitte nich triffss!
Weisse watt?
Probiern würd ich dat trotzdem mal.

Kumma!
Die Selbstfahrerautos von Biermann!
Wat sacht die da anne Kasse?
„Einsteigen und Platz nehmen
zu einer neuen lustigen Autofahrt?“

Weisse watt?
Datt könnt ich den ganzen Tach.

Hömma!
Wenn ich gezz ne Mark hätte…

Lothar Lange



Die „Fellerhoff-Raupe“, die „Selbstfahrerautos“ von Biermann, und das leckerste Kirmes-Eis der Welt von „Schmalhaus“ sind seit vielen Jahrzehnten traditionell auf den Rummelplätzen des Ruhrgebietes vertreten.  Ein „Tacken“ war im Ruhrgebiet die Bezeichnung für einen Groschen, 10 Pfennige. Als eine „Schickse“ wurde etwas abfällig die augenblickliche Freundin, auch „Perle“ benannt. Der „Itacker“ war ein italienischer „Gastarbeiter“.

 

Veröffentlicht unter 50er Jahre, Damals im Ruhrgebiet, Gedichtet, Gelsenkirchen, Kindheit im Pott, Ruhrdeutsch, Ruhrpott | Verschlagwortet mit , , | 9 Kommentare

Holland in Brot. Und Prins Pils wird 50

Koning Willem-Alexander viert 27 april 2017 zijn 50e verjaardag.
Van harte gefeliciteerd!

Prost Majesteit

Der ehemalige Prins Pils (heute Koning van het Bier) feiert ausgelassen und fröhlich mit seinem Volk. Und alle haben veel plezier!
Die Niederländer sind schon herrlich verrückt.


Ein altes niederländisches Sprichwort lautet:
Liever brood in de zak, dan een pluim op de hoed.
Lieber Brot im Beutel als eine Feder am Hut
(= von Ehre allein kann man nicht leben.)


Ik houd van Nederland.
In der Tat mag ich unser Nachbarland.
Die Niederländer sind „erg gezellig“, und da ich mit „Voetball“ absolut nix am Hut habe, haben sich bei mir auch niemals „feindliche“ Gefühle gegen sie entwickelt. Ganz im Gegenteil.
Schon als Jugendlicher trampte ich gern für einen Tag über die Grenze, fuhr später dann mit dem Moped und noch etwas später dann mit dem Auto regelmäßig nach Zandvoort oder Noordwijk ans Meer.

Draussen ausserhalb der Dreimeilenzone ankerten bis zum September 1974 die Radiopiratenschiffe „Radio Noordzee Internationaal“ und „Radio Veronika“, die uns am Strand mit den absolut neuesten Welthits beschallten.
Diese „heißen“ Sommerwochenenden an der holländischen Nordseeküste waren traumhaft: dort kam uns alles viel freier, lockerer, bunter und toleranter vor: sie hatten wahrhaftig den Geschmack von Freiheit und Abenteuer, zumal sich hier und da ein zarter Hauch von Pot *hüstel* in die frische Nordseeluft mischte.
Die von der V.V.V. *) vermittelten Unterkünfte fürs Wochenende waren meist einfach: kleinste Kammern mit Bett und Frühstück (Ontbijt), oftmals im Hinterhof gelegen und nur über steilste Treppen erreichbar.

Das holländische Frühstück bestand immer aus Koffie („de koffie is klaar“), etwas Butter, Marmelade, en beetje Kaas, Hagelslag (=bunter Streuselzucker) und dem vermutlich weichsten und fluffigsten Brot der Welt, von dem man sich fünf Scheiben gleichzeitig in den Mund stecken konnte, ohne das Gefühl zu bekommen, überhaupt etwas im Mund zu haben. Vermutlich hat es einen Gummianteil in sich, denn, wenn man eine Scheibe mit der Hand zusammendrückt, bekommt sie nach kurzer Zeit ihre alte Form zurück.
Fluffig und pappig. Bruin of wit. (Braun oder weiß)
Die Farbe ist Geschmackssache. Das Brot nicht. Es hat nämlich keinen.

Dazu stets eiskalte, harte Butter. Zum Streichen….
Godverdomme! wie sollste die auf die Scheibe kriegen, ohne dat Brot kaputtzumachen? Egal.
Wenn wir sonntagsabends mit Sonnenbrand auf der Haut und Piratenmusik im Ohr wieder auf dem Weg nach Hause waren, wussten wir: das Wochenende war wieder einmal „prettig en uitstekend!“ gewesen.
„Lang geleden“ – das ist lange her und bleibt unvergessen.Da die Niederlande aus dem Ruhrgebiet schnell zu erreichen sind, liegt es auf der Hand, hin und wieder hinzufahren. Es gibt dort wunderschöne Ecken zu entdecken, wie „bij voorbeeld“ (zum Beispiel) Limburg-Noord mit den wirklich hübschen kleinen Orten an der Maas (Arcen, Lottum): klein, grün, gepflegt, mit vielen Cafés, Biergärten und Lädchen(Winkels) und für Radfahrer ein Paradies.
Und das wirklich leckere Pils von Jan Hertog, en lekker frietjes met satésaus….
Tot de volgende keer, Nederland!
😉


*)  V.V.V. =  Vereniging voor Vreemdelingenverkeer, zu Deutsch „Vereinigung für Fremdenverkehr“.
Veröffentlicht unter Reisen | Verschlagwortet mit | 10 Kommentare

Bücherschrankgeschichten.

Seit Herbst 2016 wurden im Rahmen von Veranstaltungen an den Mercator Bücherschränken Texte aus zehn Ruhrgebietsstädten gesammelt, die nun in einem Buch veröffentlicht wurden.

Gestern war es dann soweit: in der Heldenbar des Essener Grillo-Theaters lasen (nach einer Ansprache durch Christine Bargstedt von der Projektschneiderei) der Sänger und Liedermacher Tom Liwa und die Entertainerin/Kabarettistin/Komikerin „Fräulein Nina“ (Nina Mühlmann) mit Spaß und sehr gekonnt Auszüge daraus und feierten mit den beteiligten AutorInnen den Projekt-Abschluss.

Bücherschrankbuch

Bücherschrankgeschichten 1
Ich freue mich, und ich bin auch ´n bissken stolz, dass auch ein Text von mir darin aufgenommen und dieser gleich zu Beginn der Veranstaltung verlesen wurde.

Er handelt vom Verfall einer uralten, einst und auch heute noch sehr bekannten Kneipe  in Gelsenkirchen-Buer gegenüber des Rathauses, die aufgrund ihres kleinen runden Gebäudes und einem Zipfeldach „KÄSEGLOCKE“ genannt wurde und wirklich Geschichte(n) geschrieben hat. Der Bau verfällt zusehends und viele Versuche, dieses wahrhaftige Buersche Kneipendenkmal zu retten, sind leider gescheitert.


Käseglocke Buer Lothar Lange 1

Das Sterben der Käseglocke zu Buer

Wenn ich in Buer am Rathaus hocke,
was seh´ ich da? Die Käseglocke.
Dort, wo einmal die Bierchen flossen,
ist alles dicht und abgeschlossen.
Die Fenster blind, die Tür verrammelt,
der ganze Bau total vergammelt.

Dein altes rundes Zipfeldach
ist auch schon weg – nun ist es flach.
Dein Anblick macht mich richtig bitter,
denn einst floss mancher Hektoliter
durch Tausende von Buerschen Kehlen.
Ach Käseglocke, Du wirst fehlen…

Ob reicher Kerl, ob arme Socke,
man traf sich in der Käseglocke.
Wie viel Romanzen hier entstanden,
wenn Zwei sich an der Theke fanden,
für eine Nacht, oder für immer.

Manch Zecher, manches Frauenzimmer
hat hier bei Dir nach vielen Runden
sein Geld verlor´n – vielleicht Glück gefunden?

Auch aus dem Rathaus gegenüber
saß mancher hier und war hinüber.
Hier spülten auch Beamtenseelen
den Aktenstaub aus ihren Kehlen.

So mancher biergefüllter Bauch
entleerte diesen bei Dir auch,
wenn es zu viel der Biere waren
oder vom Korn, dem guten Klaren.

Rauchgeschwängert, Deine Wände,
füllten sie sicher dicke Bände
mit Liebes-, Freud-, und Leidgeschichten,
so viele könnt´ kein Dichter dichten!

Vom Prahlhans, der hier mächtig prahlte,
und dann den Deckel nicht bezahlte,
und von der Schalker Fußballbraut,
die draußen ihren Kerl verhaut.

Und wie oft hat so mancher Gast
am Schluss die Linie 1 verpasst,
die um die Käseglocke rollte
und ihn nach Hause bringen sollte?

Ach, Käseglocke, altes Haus,
wirklich erbärmlich siehst Du aus,
wie etwas, was man nicht mehr braucht,
Dein Leben scheint nun ausgehaucht,

Dein Schicksal kennen die Gestirne.
Ganz sicher wird´s die Abrissbirne.

Arme Socke, Käseglocke!

Lothar Lange


Ab Mai ist das Buch in den Bücherschränken verfügbar. „Bücherschrank-Geschichten“ wird gefördert durch die Stiftung Mercator und realisiert durch das Netzwerk Mercator Bücherschränke in Zusammenarbeit mit lokalen Partnern, u.a. dem Schauspiel Essen.

Veröffentlicht unter Damals im Ruhrgebiet, Gelsenkirchen, Ruhrpott | Verschlagwortet mit , , , , | 12 Kommentare

Nieder mit den Sitzriesen!

Dat Leben is ungerecht.
Neulich im Essener Aalto-Theater:
architektonisch ein Traum – auch dat Programm-Angebot.
Ballett, Oper, allet, wat das Härz begehrt.
Neulich wieder.
Erster Balkon, zweite Reihe.
Erste Reihe wär auch noch frei gewesen,
aber der Unterschied im Preis war schon happich.
Also zweite Reihe.
Mehrere Monate der Vorfreude verrauschen – und der Abend is da.
Baden, Fußnägel schneiden und frische Unterwäsche an, falls man unterwegs ungeplant in´t Krankenhaus kommt – Schickmachen, und dann ab mitte Limousine nach Essen.
Gläsken Sekt im Forjeh und den Balkon aufsuchen.
Schöne Plätze mit Blick direkt auffe Bühne.
Im Orchestergraben Übungsgedudel, kann gleich losgehen.
Kurz, bevor dat Licht schummerich wird, kommt ein Pärchen.
Sie klein, er erstmal auch.
Dann setzt der Kerl sich vor mich…….. und….?
Ja, wat is datt denn?
Der scheint zu stehen!
Der wird nich kleiner!
Ich seh nix!
Hömma!
Hallo?
Der sitzt!
Und vor mir is allet dunkel!
ALARM!
Dat is ein SITZRIESE!
Der verdeckt mit seinen Schultern die ganze Bühne.
Und dann der Kopp: mal nach rechts, dann mal nach links.
Um wat zu sehen, mache ich genau dat Gegenteil: er nach rechts – ich nach links.
Wat zur Folge hat, dat mein Hintermann dat Gegenteil von dem macht, wat ich mache.
Und dem sein Hintermann wiederum – und so weiter.
Dat heißt: der Sitzriese löst, ohne datter dat weiss,
mit jeder seiner Bewegungen hinter sich eine La-Ola-Welle aus!
Der ganze Balkon is am Bewegen!

Boah, ich hasse Sitzriesen im Theater oder im Kino.
Die müssten vorher anne Ticketkasse vermessen werden.
Und nur auffe hinterletzte Plätze dürfen.
Oder et müssten Sondervorstellung geben: nur für Sitzriesen.
Die sitzen sich dann ja nich gegenseitig im Weg.

Vonne Vorstellung happich nur die Hälfte mitgekricht.

Aber einen Trost happich – und dat is auch gerecht:
in sonnem Steh-Imbiss, da hat son Sitzriese dann aber die Arschkarte.
Da kannet schomma passieren, dat so ein Sitzriese verhungert,
weiler für´n Stehtisch zu kurze Beine hat
und deswegen auch nich an seine Pommes kommt.
Von mir aus….

Bissi Tage!

Sitzriese


 Ein Beitrag aus 2015, den ich zum WordPress-Ausprobieren noch einmal aus der Kiste geholt habe.
Veröffentlicht unter Lächeln, Ruhrdeutsch, Ruhrpott, Watt et nich allet gibt! | Verschlagwortet mit , , , , | 6 Kommentare

Soleier. Kneipenkultur damals im Pott.

eierzeit

Heute war es wieder soweit: Eier wurden gekocht und in bunte Farben getaucht.
Als ich diese Eier in den Farbgläsern so vor mir sah, hatte ich plötzlich ein Bild aus längst vergangener Zeit vor mir:
Die 60er Jahre. Ich sah den alten, verrauchten Gasthof namens „Erler Hof“ in unserem Nachbarhaus auf der Cranger Strasse in Gelsenkirchen-Erle , den man durch eine hölzerne Schwingtüre betrat, hinter der sich zusätzlich noch ein richtig schwerer, grüner filziger Vorhang befand, der als Wind-, oder Rauchfänger diente, und der an die Seite geschoben werden musste, bevor der von dichtem Qualm vernebelte Blick dann frei war auf die große Theke, die von Männern, überwiegend Bergleute der nahen Zeche Graf Bismarck, mit Zigaretten in den Mündern und Biergläsern in der Hand umstanden war, meist noch ein Pinneken mit Doppelkorn auf dem Tresen vor sich, und in laute Gepräche vertieft.

Erlerhof
Der äußere linke Teil der Theke besaß ein gläsernes, beleuchtetes Kühlfach, in dem  Frikadellen und Mettbrötchen oder auch Gewürzgurken präsentiert wurden.

Doch oben auf der Theke, dort stand ein riesengroßes Glas, gefüllt mit gekochten Eiern – noch in der Schale – in einer Salzlake schwebend: SOLEIER.
Durch den hohen Salzgehalt der Lake schwammen die Eier im Glas. Sie brauchten auch keine Kühlung.
Bier und Schnaps machten hungrig auf Herzhaftes.
Also bestellte der Gast sich ein Solei, pellte und halbierte es, nahm den gelben Dotter heraus, gab in diese freigewordene Kuhle Öl, Essig, Pfeffer und etwas Salz, legte den Dotter wieder ins Ei zurück, gab darauf noch ein wenig Senf und verzehrte diesen Leckerbissen mit Genuss.

Und nun frage ich mich, ob heute überhaupt noch irgendwo Soleier in Gaststätten angeboten werden.
Gesehen habe ich sie schon lange nicht mehr.

Aber:  Appetit auf so ein leckeres Solei – den habe ich jetzt beim Erinnern bekommen.

Schöne Eiertage!

Veröffentlicht unter 50er Jahre, Damals im Ruhrgebiet, Die Läden meiner Kindheit, Gelsenkirchen, Kindheit im Pott, Ruhrpott | Verschlagwortet mit , , , | 18 Kommentare

Wahre Worte.

wahre worte

April! April!

Veröffentlicht unter Allgemein, Watt et nich allet gibt! | 2 Kommentare